Zum zweiten Mal fanden am 5. Juni das HDSL-Symposium und die Mitgliederversammlung unter dem neuen Label Schuh- und Lederwarentag statt. Und über 100 Gäste aus der Schuh- und Lederwarenindustrie haben sich dafür auf den in einigen Fällen auch sehr kurzen Weg ins Forum Alte Post in Pirmasens gemacht. Schwerpunkte der Symposium-Vorträge waren die Themen KI und Nachhaltigkeit.
Eröffnet wurde der Tag vom HDSL-Vorsitzenden Carl-August Seibel. Er wies daraufhin, wie viel sich in den vergangenen Jahren in der Industrie geändert habe: „Mit einem Tempo, bei dem es mitunter schwerfällt, schrittzuhalten. Tradierte Sicherheiten brechen weg, unternehmerische Optionen und Risiken ploppen auf.“
Das ist vor allem am Thema KI zu erkennen, bei dem zunächst Prof. Dr. Peter Buxmann, Technische Universität Darmstadt, und Marco Giangreco, Mittelstand-Digital-Zentrum, das theoretische Fundament boten. Buxmann stellt fest: „Die Welt wird nie wieder so langsam sein wie heute.“ Er fasste die letzten Jahre mit den Durchbrüchen, Anwendungsbereichen und Risiken zusammen. So sei die Generierung von Text nicht so sehr ein neues Phänomen wie die Möglichkeit, mit der KI zu kommunizieren und ihr Feedback auf die Arbeit zu geben, die diese dann umsetzt. Vor allem beim Programmieren von Code finde die KI bereits diverse Anwendungsbereiche, da zum Beispiel Chat GPT auf Anfrage ganze Programme schreiben kann. So hat Buxmann gezeigt, wie in wenigen Minuten eine Tic-Tac-Toe-Anwendung programmiert werden kann, die direkt im Browser abspielbar ist. Marco Giangreco bietet einen Überblick über die Anwendungsbereiche. Indem die KI viel mehr Möglichkeiten berechnen kann, kommt sie in vielen Fällen zum bestmöglichen Ergebnis. Das kann sich zum Beispiel auf das Verhalten beim autonomen Fahren oder beim Design vom Bauteilen auswirken, wo die KI effizientere und bessere Lösungen findet als ein Mensch.
Besonders praxisbezogen wurde das Thema in einer Talkrunde zwischen Jens Beining (Wortmann), Dr. Matthias Brender (Footprints Technologies), Christian Decker (Desma) und Schuhtechnik-Student Amir Hosseini behandelt. Der Tenor war: Die Chancen müssen genutzt werden und überwiegen die Probleme, vor denen man sich übertrieben sorgen könne. „Es ist nicht alles böse. Wir brauchen mehr Offenheit gegenüber neuen Technologien. Wir müssen daran denken, dass wir damit den Fachkräftemangel bekämpfen können, statt Angst um verdrängte Arbeitsplätze zu haben. In den USA und vor allem in China ist man da weiter“, fasst Desma-Produktverantwortlicher Christian Decker in einem emotionalen Plädoyer zusammen.
Einen Schwerpunkt auf China legte auch Ralf Deckers vom IFH Köln. Er fasste die Lage im Schuh- und Lederwarenmarkt zusammen und machte dabei vor allem darauf aufmerksam, wie die chinesischen Plattformen in Deutschland ankommen. Gerade Temu sei in kürzester Zeit rapide gewachsen. Aber den Dienst aus Neugier am Neuen zu nutzen, heißt nicht, dass die Kunden auch alle langfristig dabei bleiben. Die Gamification-Features und aggressiven Werbemaßnahmen sprechen nicht alle an, außerdem wird langfristig auch die Qualität die Kaufentscheidung beeinflussen. Wobei Deckers feststellt: „Die Leute sind sich bewusst, dass Temu und Shein in einer anderen Liga spielen und haben ganz andere Ansprüche, wenn sie dort kaufen oder auf einer anderen Plattform.“
Für den zweiten Schwerpunkt Nachhaltigkeit hat Sebastian Thies vom Familienunternehmen mit den Marken Thies 1856 und Nat-2 über die Geschichte des Unternehmens gesprochen. Schon in den Neunzigerjahren hatte sich Thies an einer Ökomarke namens Clear versucht. Doch technischer und gesellschaftlicher Fortschritt waren noch nicht so weit: „Naturgarn hat damals nur rund eineinhalb Jahre gehalten. Außerdem waren wir bei einem Preis von 180 DM im Bereich von Prada. Das war damals keiner bereit, für Nachhaltigkeit zu zahlen.“ Heute setzt vor allem die Marke Nat-2 darauf, mit gutem Marketing auf die Möglichkeiten und die Vielfalt von Nachhaltigkeit hinzuweisen. Immer wieder zeigt Thies Flagship-Modelle, die etwas aussagen sollen, anstatt unbedingt verkäuflich zu sein. Schuhe mit Ochsenblut oder Filz aus Milch sollen zeigen, dass es nachhaltig ist, nichts wegzuschmeißen. In abgewandelter Form finden sich diese Prinzipien dann auch in der regulären Kollektion wieder.