Mehr als 100 Gäste, vornehmlich aus der Industrie, aber auch aus dem Handel, waren nach Mindelheim gekommen. Neben dem Symposium, das unter dem Motto ’Die Branche in Bewegung‘ stand, nahm auch das Netzwerken viel Raum ein.
Carl-August Seibel, Vorsitzender des HDS/L, sah in seiner Begrüßung einen Paradigmenwechsel für die Schuh- und Modebranche. „Wer in Zukunft sein Geld mit Mode machen will, muss neu denken. Lange gültige Gewissheiten auf den Prüfstand stellen.“ Das alte Motto ’schneller, höher, weiter‘ müsse kritisch hinterfragt werden. „Heißt es heute und in Zukunft nicht vielmehr: bewusster, transparenter, nachhaltiger‘?“, so Seibel. Immer schneller würden neue Entwicklungen auf den Markt geworfen; vom Entwurf bis zur Auslieferung eines Produktes vergingen nur wenige Wochen. „Für uns als Schuh- und Taschenlieferanten entsteht ein Druck, der kaum noch zu bewältigen ist“, stellte der HDS/L-Vorsitzende klar.
„Wachstum und Schnelligkeit um jeden Preis – daran glaube ich nicht mehr.“
Seibel wies auch auf die Schattenseiten des immer schnelleren und massiveren Konsums hin. „Im Durchschnitt besitzen westliche Konsumenten heute vier Mal mehr Kleidung als 1980. Manche Teile werden im Durchschnitt nur 1,7 Mal getragen, bis zu 20 Kleidungsstücke hängen sogar ungetragen im Schrank.“ Ein T-Shirt, das heute weniger koste als ein Pott Kaffee, ein Paar Schuhe, das günstiger sei als ein Kino-Ticket – welche Folgen Fast Fashion für die Umwelt hat, darauf kenne man inzwischen die Antwort, so Seibel.
„Wachstum und Schnelligkeit um jeden Preis haben für mich ausgedient. Daran glaube ich nicht mehr“, stellte der Unternehmer klar. Zugleich seien Qualität und Markentradition auch keine Garanten für den Erfolg. Es brauche mehr als Kreativität, so Seibel. „Es ist an der Zeit sich neu aufzustellen, alte Denkmuster zu hinterfragen und mutiger zu werden. Jeder von uns muss deutlich mehr als seine Hausaufgaben machen. Und dazu beitragen, wertvoller, nachhaltiger, fair und wirtschaftlich zu arbeiten.“
Rezession? Krise? Nicht unbedingt.
In mehreren Vorträgen wurde den Anwesenden dann aufgezeigt, wie sich die Rahmenbedingungen für die Branche aktuell darstellen – und welche Entwicklungen zu erwarten sind. Den Anfang machte dabei die Analystin für Makroökonomie Carolin Schulze Palstring von Metzler Private Banking. Die Expertin zeigte auf, ob die allgemeine Befürchtung einer drohenden Rezession berechtigt ist. Gründe, sich zu sorgen, gebe es aktuell reichlich. Nicht nur der von den USA initiierte Handelskonflikt, auch die restriktive Notenbankpolitik, der Brexit und weitere politökonomische Entwicklungen tragen, so Schulze Palstring, dazu bei, dass eine allgemeine Verunsicherung um sich greift. Laut den Zahlen und Daten, die die Expertin vorlegte, hat sich das Wachstum weltweit in der Tat abgeschwächt. Das müsse aber nicht bedeuten, dass eine Rezession bevor steht.
Typische Indikatoren für eine Finanzkrise in den USA oder in der Eurozone sehe man aktuell nicht, so Schulze Palstring. So sei die private Verschuldung in den USA weiter rückläufig. Der EU-Binnenmarkt entwickle sich weiterhin stark; die Arbeitslosigkeit in den Ländern der Eurozone sei gering. Allerdings „wäre jetzt Zeit für eine Zinserhöhung.“
Im übrigen würden schwerwiegende Inlandskrisen nicht von Konjunkturschwankungen verursacht, sondern von platzenden Kreditblasen. Hinsichtlich der privaten Verschuldung stellt sich die Situation in China laut Schulze Palstring deutlich anders dar. Allerdings habe die chinesische Regierung Möglichkeiten, hier einzugreifen und einem möglichen Platzen der Blase vorzubeugen. „Wir gehen davon aus, dass sich die Situation in China stabilisieren wird; wir erwarten keinen Crash“, so die Referentin.
Insgesamt sei 2019 „trotz aller Unwägbarkeiten“ ein recht gutes Aktienjahr werden. Auch wenn sich die Konjunktur abgekühlt habe, müsse sich dies nicht zur Krise auswachsen.
„Amazon ist nicht einfach nur ein Onlinehändler!“
Über den „Handel im Amazon-Zeitalter“ sprach der E-Commerce-Experte Dr. Kai Hudetz in seinem Vortrag. Der Geschäftsführer des IFH Köln räumte zu Beginn mit einer Fehleinschätzung auf. Wer Amazon heute noch als „Onlinehändler“ oder gar als „Online-Buchhändler“ bezeichne, erfasse nicht, welche Marktmacht der Konzern inzwischen hat. Man könne sich dem Konstrukt Amazon am besten nähern, wenn man es als „Universum“ betrachte.
2018 überschritt der Online-Umsatz im Handel laut Hudetz erstmals die 60 Mrd. Euro-Marke und erreichte 63,2 Mrd. Euro. Im Vorjahr hatte der Online-Umsatz noch bei insgesamt 57,6 Mrd. Euro gelegen. „Zwar verlangsamt sich das prozentuale Wachstum, aber die Basis bleibt hoch, und der Anteil des Onlinehandels wird weiter steigen“, so Dr. Kai Hudetz. „Der Eisberg ist noch nicht draußen.“
Amazon ist in dieser Gemengelage mit Abstand der größte Player. In 2017 erreichte Amazon (inklusive Marktplätze) einen Umsatz von 26,4 Mrd. Euro. Ohne Marktplätze generierte Amazon.de 11,8 Mrd. Euro Umsatz. Otto.de erreichte 3,5 Mrd. Euro; fast gleich auf lag Ebay (inkl. Powerseller) mit 3,4 Mrd. Euro. Zalando generierte 1,5 Mrd. Euro Umsatz. Das von dem Online-Giganten ausgegebene Ziel, alle Produkte weltweit online anbieten zu wollen, sei keineswegs unrealistisch, so Dr. Kai Hudetz. Inzwischen sei Amazon auch als Dienstleister (u.a. Hosting, Logistik) ein wichtiger Player und auch für Mitbewerber tätig.
Den anwesenden Unternehmern empfahl der E-Commerce Experte, sich mit einer eigenen Plattform-Strategie zu befassen. Zugleich sei es wichtig, den Kommunikationsmix permanent an den Kunden anzupassen. Heute Facebook – morgen Instagram, hier müssen Unternehmen, so Hudetz, flexibel bleiben.
Und agil, so die dritte Empfehlung des Branchenkenners. In der Anpassungsfähigkeit läge eine große Chance.
Nach den Fachvorträgen stellten vier Start-ups ihre Produkte und Dienstleistungen vor. Den Abschluss des Symposiums bildete ein Rundgang durch die Gabor-Logistik in Mindelheim.
Mehr zum HDS/L Symposium lesen Sie in der kommenden Ausgabe von schuhkurier.