Schon seit längerem diskutiert die Branche die Frage, wie der Handel die Kostensteigerungen – Stichwort Mindestlohn, Inflation und Energiepreise – bestmöglich kompensieren kann. Die jüngsten Befürchtungen einer Mehrwertsteuererhöhung lösten angesichts dessen enorme Unruhe aus. Der Wirtschaftsexperte Prof. Dr. Martin Plag, Leiter des Studiengangs BWL – Controlling & Consulting an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, brachte die Situation für den Schuhhandel im Vorfeld der Kabinettstagung vom vergangenen Wochenende so auf den Punkt: „Die Branche ist jetzt schon extrem belastet durch Anhebung der Mindestlöhne, die steigenden Energiekosten und die höhere Inflation. Die Konsumflaute aufgrund der volatilen Gesamtsituation schwächt den Handel aktuell aufs Äußerste. Deutschland benötigt dringend die im Koalitionspapier angedachten wachstumsfördernden Maßnahmen, die um mehr als 30% gestiegenen Kosten innerhalb weniger Jahre blockieren aktuell das gesunde Wachstum im Mode- und Schuhhandel. Die aktuelle Situation muss angesichts der Welle an Insolvenzen und Geschäftsaufgaben als dramatisch bezeichnet werden. Die Umsatzrendite aus 2025 liegt im Schuh- und Modehandel bei gerade einmal 1 – 1,5% und für 2026 wird insgesamt sogar eine negative (!) Umsatzrendite erwartet. Eine Umsatzsteuererhöhung wird in dieser Branche kaum an die Verbraucher weitergegeben werden können.“
Vorerst ist das Thema Mehrwertsteuererhöhung zwar vom Tisch. Aus Sicht von Sönke Padberg, Geschäftsführer des BTE, wird es im Zuge der geplanten Einkommenssteuerreform spätestens ab Sommer dennoch zu einer erneuten Diskussion kommen. Ungeachtet dessen sieht er einen entscheidenden Hebel, um die Ertragssituation des Handels zu verbessern: Eckpreislagen.
Gegenüber schuhkurier erläutert Padberg: „Die Hersteller können bei gleichem Kostendruck nicht die Eingangsspanne weiter erhöhen. Das ist Wunschdenken“, so Padberg. Auch die Industrie spüre Inflation und einen allgemeinen Kostendruck, verschärft durch den Iran-Krieg und die erheblichen Preissteigerungen im Rohstoffbereich.
Padberg schlägt daher eine Erhöhung von Eckpreislagen in kleinen Schritten vor: „Wenn ein Preis für ein Paar Schuhe von 64,95 auf 67,95 Euro steigt, kann das ein Faktor sein, den Lieferant und Händler anteilig in ihre Kalkulation einbauen können.“ Auf die Frage, inwieweit Endverbraucher Preissteigerungen mitgehen, antwortet Padberg gegenüber schuhkurier mit einer Gegenfrage: „Was ist denn die Alternative? Es werden derzeit keine oder kaum Gewinne im Handel erzielt.“ Gerade vor dem Hintergrund der Kostensteigerungen für die Industrie sei es geboten, Eckpreislagen zu diskutieren. Der BTE-Geschäftsführer mahnt angesichts der kritischen Ertragslage zu dringendem Handeln: „Wenn der Schnitt der Branche unter Null rutscht, wird es ernst.“
Padberg wünscht sich darüber hinaus auch ein neues Denken im Schuhhandel. „Ich sehe oft eine große Angst vor Veränderung. Viele orientieren sich eher an der Vergangenheit.“ Statt des Blicks in den Rückspiegel empfiehlt Padberg, nach vorne durch die Windschutzscheibe zu schauen – zumal diese auch viel größer sei. Spätestens jetzt, so Padberg, sei es an der Zeit, mit Kundendaten zu arbeiten und das Sortiment spitzer und kuratierter aufzustellen – etwa mit dem Schwerpunkt Komfort oder in Richtung Mode. Ergänzend könnten gezielte Events organisiert werden, um die Kundenbindung zu erhöhen. „Man muss seinen Kunden kennen und sich für ihn etwas Besonderes überlegen“, so der BTE-Geschäftsführer.
Um auch die Politik auf die schwierige Lage des Schuhhandels aufmerksam zu machen, empfiehlt der BTE, den Dialog zu den jeweiligen Abgeordneten zu suchen. „In der Sommerpause sind viele Abgeordnete in ihren Wahlkreisen unterwegs. Das sind gute Gelegenheiten, die Politiker einzuladen, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen. Dann könnte über die komplexe Lieferkette in der Schuhbranche ebenso gesprochen werden wie über Leerstände in den Innenstädten und die steigenden Lohnnebenkosten. „Es ist wichtig, dass die Politik die Stimme des Handels stärker wahrnimmt“, ist Padberg überzeugt. Statt Infobriefe zu verschicken, sei der Weg in den persönlichen Dialog dafür die erfolgversprechendere Maßnahme.