Am Anfang stand die Ernüchterung. Während die großen Marktplätze und Online-Pure-Player auf einen Gesamtumsatz von ca. 20 Mrd. Euro kommen, schaffen es Marktteilnehmer von Sportscheck bis Breuninger laut Harnack auf etwa 2 Mrd. Euro. „Der Markt hat sich hier in einer Art und Weise verändert, dass er an der Klientel, die hier anwesend ist, mehr oder weniger vorbeigegangen ist“, so Harnack. Mit
Wucht komme das Metaverse auf die Branche zu, „und wenn es schlecht läuft, wird dieser Trend auch an dieser Gruppe vorbeigehen.“ Umso wichtiger sei die Frage, welche Geschäftsmodelle die Assets aus der analogen in die digitale Welt überführen, ohne den Anspruch zu erheben, Amazon zu überholen. Denn um das Jahr 2030 herum könnte laut Harnack der Onlineanteil im Modehandel bei 50% liegen.
In der Konsequenz bedeute das: „Die großflächigen Häuser, die nur Textil haben, entsprechen dieser Marktentwicklung nicht mehr. Die sind eigentlich zu groß.“ Man müsse sich mit anderen, spannenden Sortimenten befassen und zugleich versuchen, auch am Onlinegeschäft teilzunehmen. Lohnen sich aber Marktplätze? Herausforderungen gibt es in diesem Segment einige, von der Provision über meist sehr niedrige Stückzahlen pro Versand bis hin zu Durchschnittspreis und Retourenquote. Es gebe ein „Minenfeld der Rentabilität“. Nur in gewissen Bereichen könne man mit Marktplätzen Geld verdienen. „Es geht darum, das in einem tagaktuellen Management zu monitoren und zu steuern“, so Harnack. Das Marktplatz bleibe ein „Ritt auf der Rasierklinge“.
Zu den größten Veränderungen, die die Corona-Pandemie mit sich brachte, gehört für Harnack die 24/7-Kommunikation, die digital über Homepage, Newsletter und Social-Media-Kanäle erfolgte. Dieses „Community-Building“ sei nicht mehr wegzudenken. Wer den digitalen Kontakt zum Endkunden nicht habe, habe ein Problem. „Die Frequenz kommt nicht mehr von allein.“
Um den Anforderungen der Zukunft begegnen zu können, müsse das Geschäftsmodell zwischen Handel und Industrie neu gedacht werden, so Harnack. Schlüssel sei dabei der Vertriebskostenbereich. Mit Sorge verfolge er, dass man in der Corona-Pandemie gelernt habe, digital zu ordern – und jetzt werde in diesem Bereich vieles wieder zurückgefahren. Vor allem im kommerziellen Bereich sei es aber nicht unbedingt erforderlich, Showrooms zu unterhalten. „Das kann wesentlich intelligenter passieren“, so Harnack. Die entsprechende Ersparnis könnte an den Handel oder den Endkunden weitergegeben werden. „Wenn der Handel die Hälfte der heutigen Personalkosten von der Industrie bekommt, kann er entsprechend operieren“, so der Experte. Kern könne nur die signifikante Reduzierung der Kosten sein, einhergehend mit einer Effizienzsteigerung durch die Digitalisierung der kompletten Demand- und Supply Chain. Wenn der Hersteller einen Teil der Personalkosten des Handels übernehme, müsse auf der anderen Seite die Konzentration im Markenbereich stehen. So könne letztlich Wachstum auf beiden Seiten entstehen. Diese fundamentale Transformation funktioniere allerdings nur auf Basis von Vertrauen.