Während es vergleichsweise einfach ist, ein T-Shirt oder einen Wollpullover möglichst ressourcenschonend herzustellen und dies über ein entsprechendes anerkanntes Siegel nach außen zu dokumentieren, ist das beim Schuh eine echte Herausforderung. Er besteht aus zahlreichen Komponenten, vom Schaft über das Futtermaterial bis zur Sohle. Für nahezu jedes Material gibt es Siegel, denen unterschiedliche Kriterien zugrunde liegen. Auf der anderen Seite fehlen Siegel, die spezifisch Schuhe zertifizieren. Verschiedene Schuharten aus unterschiedlichen Materialien sind kaum vergleichbar. Die Überwachung der Lederproduktion stellt ein Prüfinstitut vor ganz andere Herausforderungen als die Überwachung der Textilproduktion.
Welche Zertifikate ein Unternehmen für seine Schuhe dabei beantragt, ist dabei von dessen Prioritäten abhängig, wie der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie auf schuhkurier-Anfrage erklärt: „Entscheidend ist die Gewichtung. Generell gibt es ja eine Vielzahl an Siegeln für die unterschiedlichen Einzelthemenfelder, die für ein Unternehmen und dessen Produkt wichtig sind. Je nach Anforderung bzw. Ziel des Produkts wählt das Unternehmen dann meist das für sich passende Siegel aus.“ Die Vielschichtigkeit des Themas Nachhaltigkeit sorgt zusätzlich für viele Prüfprinzipien und Siegel: Eigentlich ist das eine gute Sache – es kann aber dazu führen, dass man den Überblick verliert.
Helfen soll das Portal „Siegelklarheit“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort wird ausgewertet, wie genau diverse Nachhaltigkeitsaspekte in den Bereichen Glaubwürdigkeit, Umwelt- und Sozialverträglichkeit als Bedingung gestellt und geprüft werden. Darunter fällt auch, wie Grenzwerte definiert werden und mit welchen Methoden ihre Einhaltung geprüft wird. Außerdem stellt das Portal fest, welche Produktionsschritte von der Kontrollinstanz bewertet werden. Die daraus errechneten Punktzahlen lassen sich nach Produktgruppe und Material kategorisiert in einer übersichtlichen Tabelle vergleichen.
IVN Naturleder, Naturtextil Best und GOTS
Jedoch warten viele Zertifikate noch auf ihre Einstufung durch das Portal, sodass nicht alle verzeichneten Siegel eine Bewertung haben. Im Bereich Leder sind zum Beispiel sechs Siegel verzeichnet, allerdings steht die Evaluierung bei drei Siegeln noch aus. Im Bereich der Lederwaren erfüllt IVN Naturleder, das Zertifikat des Internationalen Verbandes für Naturtextilwirtschaft alle Erwartungen und wurde mit einem „sehr gut“ bewertet. Auch im Vergleich der Textilwaren belegt das IVN-Zertifikat Naturtextil Best den Spitzenplatz. Bei den IVN-Zertifikaten wird jeder Produktionsschritt überprüft: Die Naturfasern dürfen nicht mit Pestiziden oder mit hohem Wasserverbrauch angebaut werden, bei der Verarbeitung des Materials müssen biologisch abbaubare Stoffe verwendet werden. Auch Verpackung und Transport werden überprüft. Vergeben werden die Zertifikate des IVN jeweils für ein Jahr, bis die Bedingungen wieder überprüft werden müssen. Sichergestellt werden die Standards dabei von kooperierenden Institutionen auf der ganzen Welt. Übrigens: Das Zertifikat GOTS wird von der IVN mitvergeben. Es gelten die gleichen Standards, lediglich die Grenzwerte für eine Vergabe sind niedriger angesetzt.
Blauer Engel und EU Ecolabel
Der Blaue Engel führt beim Testen von Umweltverträglichkeit des Materials und gesundheitsschädlichen Substanzen ähnlich hohe Standards an und erhält im Ledersegment ein „gut“, im Textilsegment sogar ein „sehr gut“. Im Vergleich zu den IVN-Zertifikaten werden laut Siegelklarheit beim Blauen Engel Energieverbrauch und Luftverschmutzung während der Produktion nicht zur Genüge überprüft. Zum Beispiel fehle eine Überwachung der Transportwege. Der Blaue Engel ist das Umweltzeichen der Bundesregierung und wird seit 2007 auch an Schuhe vergeben. Auf dem eigenen Portal wird auch aufgeführt, welche Hersteller das Siegel erhalten haben. Zurzeit gibt es mit Think Schuhwerk allerdings nur einen Schuhhersteller, dessen Produkte mit einem Blauen Engel ausgezeichnet sind. Die sogenannte „Euroblume“, das EU-Ökolabel, zeichnet zurzeit auch nur zwei Unternehmen aus: Die schwedische Schuhfabrik Kavat und den finnischen Hersteller Ejendals. Nicht-politisch vergebene Siegel führen im Gegensatz zur Euroblume und dem Blauen Engel meist keine vollständigen Listen.