„Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir uns verändern“
Interview mit Jens Beining
- 16.05.2024
- Petra Steinke
- 6 Minuten
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Workspace im Loft: Der Detmolder Schuhanbieter hat am Stammsitz in hochmoderne Büros und Arbeitsplätze investiert. (Foto: Wortmann)
Jens Beining: Für uns ist das Jahr gut gestartet. Es ist aber bekannt, dass in Deutschland die Stimmung eher etwas gedrückter ist als im Ausland. Ich bin trotzdem zuversichtlich.
Da ist einmal die berüchtigte German Angst. Hinzu kommt die wirtschaftspolitische Situation in Deutschland. Die politische Verunsicherung schlägt nicht nur bei den Verbrauchern auf, sondern auch bei den Unternehmern und deren Mitarbeitenden. Im Schuhhandel ist die Stimmung schlechter, weil die Branche konsolidiert. Dieser Prozess ist in anderen Märkten gewissermaßen schon erfolgt, denken wir etwa an die Niederlande oder Großbritannien. Dort ist die Handelsstruktur schon eine andere und der Konzentrationsprozess weiter voran geschritten. Auch in anderen Branchen ist die Stimmung derzeit gedrückt, nicht wenige Unternehmen sind sogar in Kurzarbeit. Und was mich wirklich beunruhigt, ist, dass auch international tätige Firmen ganz klar sagen, sie investieren keinen Cent mehr in Deutschland. Dafür gibt es viele Gründe, vor allem die überbordende Bürokratie und die hohen Belastungen. Ich will mich aber an der schlechten Stimmung nicht beteiligen. Es ist sehr schade, dass so viel über negative Themen gesprochen wird – und zu wenig Raum ist für die vielen positiven Dinge, die ja auch passieren.
„Es gibt immer schöne Erfolgsstorys in unserer Branche. Auf Händler- wie auf Markenseite.“
Jens Beining|Wortmann
Foto: Redaktion
Es gibt immer schöne Erfolgsstorys in unserer Branche. Auf Händler- wie auf Markenseite. Darüber hinaus macht es mir unglaublich viel Spaß, mit unserem jungen, motivierten Team zu arbeiten. Das sind Menschen, die etwas bewegen, etwas lernen und sich entwickeln wollen. Das ist wirklich toll, und ich glaube, das zeichnet unsere Unternehmensgruppe nach wie vor aus. Wir bilden sehr intensiv und auch sehr gut aus. Wir haben einen hervorragenden Ruf als Ausbildungsbetrieb in der Region, weil wir uns wirklich viel Mühe damit geben.
Ja, in einigen Bereichen ist es nach wie vor schwierig, besonders in der IT und im Marketing, vor allem Online-Marketing. Wir müssen in Deutschland aber seit geraumer Zeit einen Schritt weiter gehen. Es geht ja nicht mehr nur um Fachkräftemangel, sondern um Arbeitskräftemangel generell. Da wir aber ein wirklich angesehener Arbeitgeber in der Region sind, ist es noch machbar. Was allerdings schon eine Herausforderung darstellt, ist es, qualifizierte Fachkräfte aus ganz Europa und Deutschland hierher nach Detmold zu locken – obwohl diejenigen, die kommen, sich hier in der Regel sehr schnell wohl fühlen und von der Region auch sehr angetan sind. Ein Aspekt im Zusammenhang mit der Rekrutierung neuer Talente ist sicherlich auch meine eher konservative Haltung zum Thema Homeoffice. Mir geht es dabei nicht um fehlendes Vertrauen, sondern darum, dass die Mannschaft zusammen sein sollte, dass man sich im Unternehmen in die Augen schaut und auch mal am Kaffeeautomaten zusammensteht. So entstehen nicht nur Ideen, sondern vor allem Kreativität, die in einem Teams-Meeting nicht entstehen kann. Unser Unternehmensgründer Horst Wortmann hat einmal den Begriff des Management by Treppe geprägt. Das kann ich nur bestätigen. Wenn ich hier durchs Unternehmen laufe – was da in einer halben Stunde geklärt wird, ist mehr, als man in fünf Meetings regeln kann.
„Elegance on Board“ – Look von Tamaris (Foto: Wortmann)
Die Situation trifft uns ebenso wie viele andere Anbieter auch; vielleicht nicht immer im gleichen Ausmaß. Es kommt darauf an, wie man in den jeweiligen Kanälen, die weggebrochen sind, vertreten ist. Gottlob gibt es trotz der Stimmung noch viel Unternehmertum, Menschen also, die aus der Lage etwas machen wollen. Schwierige Zeiten sind immer gute Zeiten für gute Leute. Das umfasst auch Händler, die die Gelegenheit nutzen, zu expandieren. Es ist Teil unserer Strategie, mit solchen Partnern noch intensiver zusammenarbeiten und dadurch selbst ein noch verlässlicherer Partner zu werden. Es werden ja nicht weniger Füße! Schuhe nutzen sich ab und müssen neu gekauft werden. Das ist eine Chance! Wenn natürlich weniger Angebot da ist, weil es weniger Schuhgeschäfte gibt, dann lässt auch die Begehrlichkeit weiter nach. Man schlendert durch eine Stadt und findet nur noch Optiker. Und leider keine drei Schuhgeschäfte, bei denen man sich vielleicht überlegen würde: Mensch, eigentlich könnte ich mal neue Schuhe kaufen. Hinzu kommt, dass nicht alles online aufgefangen werden kann.
Foto: Redaktion
Über unsere Systempartnerschaften mit Tamaris-Stores ergeben sich zweifellos neue Potenziale. In den letzten Jahren haben wir vor allem in Deutschland einige Stores verloren. Aber jetzt führen wir wieder sehr interessante Gespräche, bei denen es zu konkreten Abschlüssen und dann auch Eröffnungen kommt. Das finde ich sehr erfreulich! Es ergeben sich Chancen, Standorte zu besetzen, weil es bei den Mieten wieder bessere Rahmenbedingungen gibt. Was die Sache etwas erschwert, ist allerdings die Personalproblematik. Es ist unglaublich schwer, Menschen zu finden, die Lust auf Retail haben.
Im Augenblick wachsen wir im Ausland deutlich stärker als in Deutschland, wobei der deutsche Markt bei etwa 50% liegt, Tendenz fallend. Südeuropa – Italien und Griechenland beispielsweise – entwickelt sich bei uns sehr, sehr gut. Auch in Frankreich läuft es erfreulich. Vor 30 Jahren haben wir erwogen, das Geschäft in Frankreich einzustellen – heute ist das Land unser wichtigster Exportmarkt. Wir betreiben in Frankreich zusammen mit Partnern über 85 Stores. Ein kleiner Höhepunkt war im Januar die Eröffnung des Tamaris Flagships in Paris. Unser Partner betreibt bereits mehrere Stores in der französischen Hauptstadt, er weiß also, wovon er spricht.
Um die 20 in Deutschland und Österreich. Diese Zahl ist relativ konstant. Als wir vor 20 Jahren unseren ersten eigenen Store eröffneten, habe ich ihn das Labor genannt. In Eigenregie betriebene Stores sind für uns kein aktives Wachstumsfeld. Die Systempartnerschaft mit Händlern hat für uns klar Priorität. Wenn es Standorte gibt, die wir als sinnvoll erachten und für die wir keinen Partner finden, dann kann es sein, dass wir den Store selber führen. Das ist aber relativ selten der Fall.
Interessanterweise entwickeln sich unsere Marken, wenn man sie über einen längeren Zeitpunkt betrachtet, relativ parallel. Es gibt keine Ausreißer nach oben und keine nach unten, höchstens saisonale Schwankungen. Das diskutieren wir intern häufig, denn es ist durchaus interessant, zumal unsere Marken komplett unabhängig voneinander geführt werden. Und damit meine ich nicht alleine Caprice, wo es ja auch eine räumliche Trennung gibt. Auch hier in Detmold werden die Marken unabhängig voneinander geführt, mit eigener Verantwortung, eigenem Produktmanagement und eigenem Vertrieb.
„Wir haben tolle Sneaker draußen, die wirklich super laufen. Und nach wie vor verkaufen wir auch elegante Schuhe sehr gut – trotz aller Casualisierung.“
Jens Beining|
Es entwickelt sich step by step positiv. Im letzten Jahr gab es zweistellige Wachstumsraten und auch das Jahr 2024 ist sehr gut gestartet. Wir betreiben tamaris.com als Plattform für unsere Kunden und Partner. Wir haben im Gegensatz zu anderen an den Provisionen nichts verändert und geringere Retourenquoten als andere Plattformen. Das ist sehr erfreulich, insbesondere für unsere angebundenen Partner, da es bei tamaris.com möglich ist, profitabel online zu verkaufen. Unser Onlinebusiness ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Strategie, wobei wir es nicht nur als Vertriebskanal sehen, sondern vor allem auch als markenbildendes Instrument. Was die Preisgestaltung angeht, sind wir dort im Übrigen sehr konservativ unterwegs. Und wir stellen fest, dass wir im eigenen Online-Shop viele Artikel gut verkaufen, die bei unseren Händlern im Einkauf nicht so gut ankamen. Insbesondere unsere Sneaker laufen online hervorragend, während wir bei Händlern noch in der Pumps-Schublade stecken. Wir sehen inzwischen eine Veränderung: Viele Händler spüren, dass sie mit unseren sportlichen Modellen Erfolg haben können, und kaufen diese stärker ein. Entsprechend wird nun auch unser Programm mutiger und breiter, und das wird wiederum zunehmend vom Handel angenommen. Wir haben tolle Sneaker draußen, die wirklich super laufen. Und nach wie vor verkaufen wir auch elegante Schuhe sehr gut, gerade im Anlassbereich – trotz aller Casualisierung.
Die Kollektion war anfangs mit viel High Tech ausgestattet und hatte einen ganz guten Start. Wir haben den Technologie-Einsatz in den Schuhen inzwischen etwas reduziert, weil wir Preislagen erreicht haben, die für die typische Tamaris-Kundin schwierig waren. Die Kollektion bewegt sich aktuell auf einem recht ordentlichen Niveau. Ich glaube, wir waren mit der Einführung ein wenig spät. In der Pandemie haben viele ihre Outdoor-Schuhe schon gekauft, und man braucht nicht in jedem Jahr neue. Tamaris Active ist fester Bestandteil der Kollektion und wird kontinuierlich weiterentwickelt.
Ich kann sagen, dass Tamaris nach wie vor mit Abstand unsere wichtigste Marke ist und einen erheblichen Anteil hat.
Wir haben vor 25 Jahren das Lizenzunternehmen shoe.com gegründet. Zu diesem Zeitpunkt war Wortmann bereits erfolgreich unterwegs und hat viele Schuhe verkauft. Aber wir waren kein Markenunternehmen. Es war damals genau der richtige Schachzug, ins Lizenzgeschäft einzusteigen – zu einem Zeitpunkt, an dem wir auch entschieden haben, uns selbst zu einem Markenunternehmen zu entwickeln. Wir haben im Laufe der Jahre mit einem hohen Invest- ment Tamaris zu einer Endverbrauchermarke aufgebaut. Heute haben wir Tamaris und Marco Tozzi und künftig neben Caprice auch Peter Kaiser in unserem Portfolio. Daher haben wir uns entschieden, das Lizenzgeschäft nicht mehr in der gewohnten Form fortzuführen. Hinzu kommt, dass das höchste Gut unserer Unternehmensgruppe seit dem ersten Tag die Unabhängigkeit ist. Und wenn man Lizenznehmer ist, kann man nicht unabhängig agieren.
Farbe satt: Retro-Sneaker von Tamaris (Foto: Wortmann)
Es hat bei den teilnehmenden Händlern gut funktioniert, aber es wurde leider keine breite Distribution erreicht. Die klassische Lizenz gibt es daher nicht mehr. Tamaris-Mode wird aber weiterhin auf unseren B2C-Kanälen wie dem Onlineshop angeboten. Vielleicht war der Zeitpunkt nicht der beste, um mit neuen Produkten an den Modehandel zu gehen.
Derzeit wird bei Caprice mit Hochdruck an der Kollektion gearbeitet. Sie wird natürlich anders sein als Caprice, wertiger im Hinblick auf die Materialien und Produktionstechnologien und eleganter im Look. Die Idee dahinter ist ein Tradingup. Wobei ich auch betonen möchte, dass wir nicht noch mehr von dem brauchen, was wir schon haben. Wir haben uns auch bewusst personell verstärkt: Wir haben seit Anfang Mai mit dem langjährigen Peter Kaiser-Geschäftsführer Stefan Frank einen kompetenten Berater im Team, worüber ich mich sehr freue. Er wird uns im Business Development unterstützen. Und auch im Bereich Produktionskompetenz haben wir bei Caprice nun einen Experten mit an Bord, der über viel Erfahrung mit Peter Kaiser verfügt. Dass der Neustart von Peter Kaiser kein Selbstläufer wird, war uns von Anfang an klar. Wir haben bislang viel positives Feedback aus dem Handel wahrgenommen. Am Ende ist entscheidend, was auch geschrieben wird. Da träume ich nicht. Darüber hinaus gilt es, die typische Peter Kaiser-Kundin abzuholen. Und nicht zuletzt muss eine solche Kollektion auch mehr sportliche Komponenten enthalten. Was ich bislang im Kollektionsrahmenplan gesehen habe, ist sehr überzeugend. Jürgen Cölsch und seine Mannschaft wissen, wie man Schuhe macht. Wir wollen mit der Marke ‚Bewährtes erhalten und Neues wagen. Aktuell werden neue Showrooms in Detmold, Sindelfingen und Breitscheid eingerichtet. Wir freuen uns sehr auf den Start.
Guido Maria Kretschmer arbeitet seit mehreren Saisons mit der Wortmann-Marke Marco Tozzi zusammen. (Foto: Wortmann)
Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es in unserer Branche nicht mehr so richtig läuft. Die Menschen sagen: Das, was ich trage, ist in Ordnung. Ich muss diesen oder jenen Trend nicht aufnehmen, weil das, was ich anhabe, funktioniert. Hinzu kommt, dass viele Kreativteams der Branche auf dieselben Quellen zurückgreifen. Das führt auch nicht gerade zu mehr Vielfalt. Außerdem scheiden Marktbegleiter aus, wodurch das Angebot ebenfalls immer dünner wird. Das ist nicht gut für unsere Branche. Ich sage immer, wir brauchen mehr Innovation, mehr Mut, mehr Mode. Mit der großen Gefahr, dass Produktmanager mir antworten: Das ist zu extrem, dann müssen die Absätze wieder hoch sein. Das meine ich aber gerade nicht. Es geht darum, modische Themen zu ’tamarisieren‘. Eine Kollektion zu entwickeln, das ist immer eine Gratwanderung. Sie muss modisch und attraktiv sein, sie muss neu sein und darf nicht zu extrem sein – dabei spreche ich von Tamaris, einer Volumenmarke. Und es gibt Schuhe von gestern und Schuhe von morgen. Wir müssen es schaffen, neue Schuhe erfolgreich in den Handel zu verkaufen. In Zeiten der Verunsicherung ist das schwieriger. Aber wir stellen fest, dass Kunden, die auch in herausfordernden Zeiten eher mutig einkaufen, mehr Erfolg haben.
Ich muss sagen, dass ich anfangs, als die Initiative startete, ein wenig skeptisch war. Wir engagieren uns und wirken in zwei Arbeitsgruppen zu den Themen Order und Effizienz aktiv mit. Ich stelle fest, dass in Sachen Effizienz doch einiges erreicht worden ist. Das ist ohnehin mein Lieblingsthema seit Jahren. Ich finde es gut, dass alle mit am Tisch gesessen haben, dass nicht nur geredet wurde, sondern auch Taten folgten. Nun kommt es darauf an, die Themen auf breiter Front in die Branche zu bringen. Denn nach wie vor lassen wir Effizienzen liegen. Ich habe schon mehrfach betont, dass unsere Wettbewerber die Vertikalen sind. Und darauf müssen wir reagieren, indem wir uns selbst wie Vertikale verhalten. Das Thema Datenaustausch trägt dazu bei, dass die Taktung besser wird und wir schneller werden, damit unsere Produkte zum richtigen Zeitpunkt auf der Fläche sind. Je mehr stationäre Händler diese Vorteile sehen, desto besser werden die Kollektionen für den stationären Handel. Ich habe mal ganz provokant gesagt, wenn wir nur Daten von Onlinern bekommen, dann wird es irgendwann nur noch Kollektionen für Onliner geben. Ich hoffe, die Initiative hat nachhaltig Bewegung in die Branche gebracht. Das betrifft auch unser Unternehmen: Ein großes Projekt, in das wir jetzt nochmals intensivieren wollen, behandelt NOS. Auch wir als modische Unternehmensgruppe stellen vermehrt fest, dass eine gesunde NOS-Basis auch ein Fundament im Umsatz des Handels ist. Auch am Thema Elvis haben wir im Übrigen aktiv mitgewirkt.
Ich finde in der Tat, in diesem Bereich hat die Initiative einen Riesenerfolg erzielt. Und daraus können sich noch viele weitere Themen ergeben. In der Debatte um eine neue Messe ist das ein wenig untergegangen. Das ist schade. Letztendlich geht es doch darum, dass möglichst viele Händler im Markt bleiben. Das ist gut für uns alle. Gerade im Bereich Datenaustausch muss immer noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Wir haben während der Lockdowns mit tausenden Händlern persönlich gesprochen und wollten wissen, was die Beweggründe dafür sind, dass das nicht läuft. Ein Hauptgrund, der uns immer wieder genannt wurde, waren die Kosten. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Einwand ist oder ein Vorwand. Interessant ist ja, dass die Händler in der Regel die PRICATs gerne nehmen, denn das erspart ihnen Arbeit. Aber sie wollen häufig nichts zurückgeben. Wenn wir es nicht schaffen, den Händlern die Vorteile näherzubringen, haben wir etwas falsch gemacht. Aber wenn wir die Daten nicht haben, können wir sie nicht überzeugen. Wir als Wortmann-Gruppe machen wirklich viel. Bei uns im Händlerportal können unsere Kunden Abverkäufe sehen. Dort wird auch direkt angezeigt, welche Artikel noch verfügbar sind. Sie können direkt aus der Warenwirtschaft nachordern. Das sind ganz einfache Dinge, die aber die Effizienz erhöhen. Abgesehen davon, dass sie auch die Kollektionen verbessern. Aber viel zu oft wird über Kosten diskutiert. Auch bei der neuen Lernplattform, übrigens.
„Es heißt immer, der Handel wolle bei der Order näher an die Saison. Für mich ist näher an die Saison etwas anderes, als eine Vororder später zu schreiben.“
Jens Beining|
Genau. Ich bin fest davon überzeugt, dass es richtig ist, so etwas anzubieten. Wir hatten selber bereits mit ’Mira‘ eine ähnliche Plattform. Ein solches Angebot sollte dem Handel einen Euro pro Kopf wert sein. Ich würde sogar sagen, es ist auch zehn Euro wert. Damit will ich nicht die Kosten in Richtung Handel verschieben. Auch ich bin bereit, deutlich zu investieren und meinen Beitrag zu leisten. Aber der Handel muss ebenfalls einen Beitrag leisten, weil er davon profitiert. Es steigert die Umsätze, wenn eine Verkäuferin zu den Schuhen, die neu auf die Fläche kommen, auch die entsprechenden Informationen und Storys bekommt. Dann kommt sie vielleicht auch mal hinter der Kasse hervor, weil sie motiviert ist und den Mut hat, den Kunden anzusprechen. Denn sie hat etwas zu erzählen.
Sie war auf jeden Fall von Vorsicht geprägt, hat aber zum Ende recht gut aufgeholt. Viele Händler haben Limite zurückgehalten und mehr Zeit zur Orientierung gebraucht. Sie wollten vielleicht auch in bestimmten Warengruppen die wirklich letzten Abverkäufe abwarten. Es war alles etwas später, aber es war am Ende gut.
Es heißt ja immer, der Handel wolle bei der Order näher an die Saison. Für mich ist näher an die Saison aber etwas anderes, als eine Vororder später zu schreiben. Es ist ja eine Vororder. Und diese findet vor der Saison statt. Näher an die Saison heißt für mich, dass ich, wenn ich weiß, was läuft, schnell reagieren kann. Dass ich die Limite dafür frei habe. In der Corona-Pandemie sind wir sehr weit nach vorne gegangen. Wir haben das intern diskutiert und uns war klar, wir müssen wieder ein bisschen zurück. Aber das heißt nicht, dass wir vom Dezember nun in den Februar rücken. Basics kann man immer ordern. Aber sie müssen nicht als erstes auf die Fläche. Im Gegenteil: Das, was modisch ist, muss früh auf die Fläche. Und den Standard verkauft man dann später.
Wenn man sie intelligent und mit Nachsicht einsetzt, kann KI ein Beschleuniger im Business sein. Bei uns befasst sich eine kompetente Projektgruppe aus allen Bereichen mit den Möglichkeiten, die KI bietet. Wir nutzen sie unter anderem bereits in der Programmierung. Was die Sortimentsgestaltung und automatische Orderempfehlungen angeht, arbeiten wir an der Umsetzung von Konzepten. Es geht darum, dass wir unseren Händlern aus den Zahlen und Daten, die sie uns liefern, die entsprechenden Orderempfehlungen geben, weil wir dann sehen können, was im Hinblick auf Abverkäufe und Größen optimal wäre. Das basiert auf einem Mix aus allgemeinen und individuellen Daten. Hinzu kommen Anwendungsbereiche im E-Commerce von Produkttexten bis hin zu Dynamic Pricing. Und wir haben bereits Tamaris-Schuhe auf Basis von KI entwickelt. Es sind Modelle, bei denen kein Designer einen Stift angesetzt hat. Einige dieser Modelle werden wir auch in die Kollektion aufnehmen. Ich denke, daraus können wir eine coole Story machen. Im übrigen glaube ich, das Thema hat auch im Handel noch großes Potenzial.
Casual-Outfit von Tamaris Comfort. (Foto: Wortmann)
2024 ist sicherlich anspruchsvoll. Daher sind wir recht zufrieden damit, wie wir in der Vororder für H/W ausgestiegen sind. Im weiteren Jahresverlauf könnte sich die Stimmung erholen – wenn nicht noch ein Dämpfer von irgendwoher kommt, den wir nicht einplanen können. Dass für den Winter zunächst vorsichtig geordert worden ist, liegt auch an den hohen Beständen aus dem letzten Winter. Aber es wird durchaus konsumiert. Und mit frischer, neuer Ware und attraktiven Schuhen kann der Handel, wenn auch kein Bedarf da ist, Begehrlichkeiten wecken.
Ganz spontan sage ich, dass mir nichts Angst macht. Aber es gibt Themen, die mir Sorgen bereiten, zum Beispiel die weltweite Großwetterlage. Ansonsten freue ich mich, dass wir in einem freien Land leben.
Hoffnung machen mir immer wieder die jungen Menschen, die etwas bewegen und verändern wollen. Wichtig bei allem, was wir tun, ist immer, dass wir es nicht verlernen, uns an die eigene Nase zu fassen. Die Welt ist, wie sie ist. Der Markt ist, wie er ist. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir uns verändern. Immer mit der Frage: Was trage ich persönlich dazu bei? Das heißt, wir müssen uns immer an die eigene Nase fassen und die Gründe für Probleme nicht woanders suchen. Da macht man es sich zu einfach.