„Wir brauchen vernünftige Rahmenbedingungen“
Carl-August Seibel im Interview
- 22.04.2023
- Petra Steinke
- 2 Minuten
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Carl-August Seibel im Interview
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Headerfoto: Unternehmer und HDSL-Vorsitzender: Carl-August Seibel. (Foto: Seibel Gruppe)
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Carl-August Seibel: Es gibt natürlich Stornos durch Händler und auch wir halten in einigen Fällen Schuhe zurück, wo das Risiko zu groß ist. Hinzu kommt das Wetter: Es gibt kaum Nachbestellungen. Und wenn, dann handelt es sich um Basics. Unsere Läger sind gut gefüllt, und auch der Handel hat genug Schuhe. Nachdem die Auslieferungen und Umsätze im vergangenen Jahr recht gut waren, tut sich aktuell nicht viel im Markt. Und zuletzt kam noch die Meldung vom Eigenverwaltungsverfahren des Versenders Klingel. Das trägt nicht gerade zur positiven Stimmung bei. Wir sind alle von den Schwierigkeiten der großen Kunden betroffen, ob es nun Görtz ist, Klauser/Salamander oder Galeria Karstadt Kaufhof. Dabei geht es um Volumina, die nicht ohne weiteres ersetzt werden. Ich glaube aber, dass die im HDS/L organisierten Unternehmen solide aufgestellt sind. Sie können ein oder zwei schlechte Jahre sicherlich durchstehen.
Carl-August Seibel: Manches Konzept, das jetzt im Handel in Schwierigkeiten steckt, ist allerdings auch schon seit 30 Jahren aus der Zeit gefallen. Wenn man sich das Angebot einiger Unternehmen anschaut, die Läden und die Ware, muss man zugeben: Allzu viel Berechtigung haben solche Formate nicht. Man muss sich an die Marktentwicklung anpassen. Und wer das nicht schafft, hat irgendwann ein Problem. Es gibt jedoch auch andere Unternehmen, von denen man dachte, dass sie sehr gut aufgestellt seien, mit schönen Läden und einem guten Sortiment. Und auch diese kommen nicht weiter, weil Pandemie, Frequenzrückgang und Umsatzverluste große Verwerfungen verursachen. Der Flächenverlust wird also nicht mehr umzukehren sein und uns vor ganz neue Herausforderungen stellen. Natürlich ist nicht alles verloren. Aber die Verbraucher verhalten sich anders als vor der Pandemie: Freizeit und Entertainment, Wellness und Gastronomie und Urlaub sind ihnen wichtiger. Konsumgüter, vor allem Schuhe und Textilien, sind weniger relevant. Das bedeutet nichts Gutes für den Einzelhandel, speziell in den Städten mit 100.000 Einwohnern aufwärts. Da ist es am kritischsten.
Carl-August Seibel: Das stimmt. Die Händler in mittelgroßen Städten oder in der Peripherie haben einen guten Bezug zu den Kunden in ihrem Umkreis. Da steht oft der Inhaber im Geschäft, man kennt sich. Viele dieser Schuhhändler stehen sehr gut da. Es gibt auch hier Verluste, aber eine ganze Reihe von Händlern in der Peripherie sind gut durch die Krise gekommen. Diese Unternehmen werden auch weiter am Markt bestehen können, wenn sie spezialisiert sind, zum Beispiel auf Komfort, Mode oder Outdoor. Und sie werden unsere Kunden der Zukunft sein – ganz klar.
Blick in die Fertigung der neu gestalteten Seibel-Schuhfabrik in Hauenstein. (Foto: Seibel Gruppe)
Carl-August Seibel: Über dieses Thema diskutieren viele Experten: Mehr Freizeitangebote und Gastronomie sind gut. Aber wie viele Restaurants soll man noch in die Innenstädte packen? Vielleicht werden künftig kleinere Einheiten mit neuen Konzepten und Ideen einziehen. Mehr Belebung für die Innenstädte ist sicherlich sinnvoll. Manche große Flächen, die man zuletzt gesehen hat, waren alles andere als attraktiv. Es kann eine Chance sein, eine Innenstadt zu beleben, so dass mehr Menschen tagsüber und abends dort unterwegs sind. Aber die Mengen an Produkten, die man dort bislang anbot und verkaufte, sind Geschichte. Wir müssen uns darauf einstellen, dass diese Volumina nicht mehr verkäuflich und damit die gewohnten Umsätze in diesem Segment nicht mehr zu generieren sind. Das ist verloren und wird nicht wiederkommen.
Carl-August Seibel: Denken kann man das immer. Ob es erfolgreich ist, möchte ich aber in Frage stellen. Der Monomarkenstore wird genauso unter Frequenzverlusten leiden wie andere Konzepte. Warum sollten Leute dorthin gehen, wenn sie sowieso nicht gern in die Stadt gehen? Ein Monomarkenstore ist schön, um eine Marke und Produktpalette darzustellen. Er hat aber auch Nachteile. Das Angebot einer Marke ist in der Regel begrenzt. Viele Kundinnen wünschen sich aber beim Shoppen ein vielfältiges Angebot, um inspiriert zu werden. Warum ist Breuninger so erfolgreich? Weil er dieses Konzept ganz hervorragend spielt: von mittelpreisig bis Luxus, ein tolles, modisches Angebot, nach Themen präsentiert. Das ist doch viel interessanter als ein Monomarkenstore. Es mag für den einen oder anderen Hersteller eine Möglichkeit sein, über Monomarkenstores seine Markenposition zu stärken. Einige machen das ja auch sehr erfolgreich. Aber als flächendeckende Lösungen für die Industrie taugt es nicht.
Ein Monomarkenstore birgt zudem gewisse Risiken. Man wird vom Hersteller zum Händler. Wenn Sie zehn Geschäfte in großen Städten eröffnen, haben sie es mit denselben Herausforderungen zu tun wie ein Händler: Sie müssen Mieten bezahlen, brauchen Personal, Filial- und Regionalleiter. Sie brauchen ein gutes Konzept und eine tolle Bedienung, sonst wird das alles nichts. Wir sehen aktuell in unseren Stores und Outlets, dass die Kunden hohe Ansprüche in Sachen Bedienung haben. Das ist kein Selbstläufer, es braucht ein hohes Maß an Service. Sicher – gibt etwas mehr Marge, aber die geht für die Kosten drauf.
Neuer Markenauftritt: Josef Seibel wurde einem umfangreichen Relaunch unterzogen. (Foto: Seibel Gruppe)
Carl-August Seibel: Ja. Das findet bereits statt, und das in einem nicht unerheblichen Maße. Die Umsätze über diesen Kanal gehen zwar nicht durch die Decke, sind aber in den letzten Jahren gestiegen. Das ist also ein relevanter Vertriebsweg und auch wichtig zur Markenpflege, und er wird weiter an Bedeutung zunehmen. Aber er wird nie das B2B-Business ersetzen können. Die Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten zudem, dass Marken im Internet sichtbar sind. Die Frage ist, wie wir es schaffen, dass der Preisverhau im Online-Business eingedämmt wird. Dort ist es schlimmer als im stationären Handel. Was wir da seit Monaten erleben, ist katastrophal. Wir machen uns kaputt.
Carl-August Seibel: Es ist eine Mischung. Da dürfen wir uns als Industrie auch nicht ausnehmen. Hersteller gehen auf Plattformen, die den Preisverhau ebenfalls forcieren. Zalando fährt beispielsweise die Strategie, dass ein Artikel, der einmal reduziert war, im Preis nie mehr nach oben gesetzt werden darf. Das ist ein großes Problem. Man müsste die EANs ändern, was aber ein erheblicher Aufwand wäre. Es schadet uns allen, wenn der Kunde denkt, er müsse im Grunde für kein Produkt den regulären Preis bezahlen. Das ist ein Problem, das wir angehen und mit den Kunden im Handel besprechen müssen. Wir brauchen auch selbst mehr Disziplin.
Carl-August Seibel: Für das Unternehmen Josef Seibel kann ich sagen: nein. Aber der eine oder andere Hersteller wird darüber nachdenken. Ihnen stellt sich wahrscheinlich die Frage: Wenn Adidas und Skechers mit Deichmann arbeiten und gleichzeitig auch mit dem Fachhandel, warum sollen wir das nicht auch können? Ich möchte betonen, dass Deichmann ein absolut seriöses und solides Unternehmen ist und ein fairer, verlässlicher Geschäftspartner. Aber ich denke auch an die vielen guten Schuhhändler, über die wir hier schon gesprochen haben: Wenn ich denen erzähle, ich liefere nun auch Schuhe an Deichmann, die ein bisschen anders aussehen und preiswerter sind – das wäre schwierig zu argumentieren.
Carl-August Seibel: Wir müssen mit fairen, nachhaltigen und langlebigen Produkten punkten. Natürlich auch mit Mode. Es geht darum, dass wir unsere Stärken herausstellen. Ich bin überzeugt, dass viele Kundinnen und Kunden dies zu schätzen wissen. Die Schuh- und Modebranche hat leider einen schlechten Ruf und gilt als Umweltverschmutzer und Verschwender. Wenn wir die Kunden über die Argumentation „fairer Preis und attraktives, gutes Produkt“ erreichen, tragen wir dazu bei, dass der Druck etwas herausgenommen wird. Das braucht aber auch ein gutes Marketing.
Lässige Allroundtalente aus Hauenstein. (Foto: Seibel Gruppe)
Carl-August Seibel: Nichts Gutes. Das Angebot der Messen ist da. Aber die Nachfrage ist überschaubar. Der Schuhhändler nimmt vieles nicht so an, wie man sich das wünschen würde. Dann können Messen nur als kleinere, vielleicht regionale Showcases genutzt werden, um als Hersteller seine Marken zu zeigen. Auch die SOCs sind nicht alle gut. Da wird sicherlich das eine oder andere vom Markt verschwinden.
Carl-August Seibel: Ja, das kann ich. Ich verstehe, dass der Handel unter Druck steht und weniger Möglichkeiten hat, die Kosten abzufedern, als die Industrie. Aber ich will gleich ergänzen, dass sich der Handel im Hinblick auf die vielen Rabattschlachten, die er betreibt, selbst disziplinieren sollte. Dann können wir auch über höhere Handelsspannen reden. Der Handel kann seine Marge besser in den Griff bekommen, wenn er weniger Rabatte gibt.
Carl-August Seibel: Ich bin grundsätzlich dagegen, dass der Staat einzelne Branchen unterstützt. Wir sind Unternehmer und bewegen uns in einem freien Markt, wir müssen uns anpassen. Ich bin seit 40 Jahren dabei, und so war es immer. Da muss die Politik nicht aktiv eingreifen. Sie muss uns aber vernünftige Rahmenbedingungen schaffen. Das tut sie leider nicht. Mittelstands- und Wirtschaftspolitik sind bei uns seit Jahren Stiefkinder. Ich freue mich über jede Kita, die gebaut wird. Aber ob das alles vom Staat und damit vom Steuerzahler finanziert werden muss möchte ich hinterfragen. Und was da in Sachen Wirtschaftspolitik schon seit Jahren entschieden wird, ist einfach schlecht. Und es wird sich nicht bessern. Hinzu kommen die Regulierungen auf EU-Ebene. Das alles wird viel Geld kosten und ist keine Unterstützung.
Carl-August Seibel: Ja, natürlich. Die Frage ist aber, ob der Endkunde das überhaupt so wahrnimmt. Und es ist immer wieder die Frage, was denn überhaupt nachhaltig ist. Ist es der Grüne Knopf oder ein anderes Siegel? Wir haben auch selbst versäumt, ein eindeutiges Siegel zu entwickeln – da will ich auch selbstkritisch sein. Damit befassen wir uns beim HDS/L jetzt, aber es ist schwierig und langwierig. Natürlich ist das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ein Tool, mit dem man sich positionieren kann. Aber das Gesetz gilt natürlich für alle Unternehmen, vom Preiswertanbieter bis zum hochwertigen Traditionshersteller.
In Hauenstein kann man sich die Produktion von Sneakern der Linie „1886“ anschauen. (Foto: Seibel Gruppe)
Carl-August Seibel: Wir haben eine großpolitische Gemengelage, die wenig Aufbruchstimmung vermittelt. Aktuell ist die Haltung hierzulande, wir müssen uns ein Stück weit deindustrialisieren, um die Klimaziele zu erreichen. In anderen Ländern heißt es: Wir lassen uns was einfallen und investieren in neue Technologien und Entwicklungen. Und wir in Deutschland haben Angst vor dem, was da auf uns zukommt. Die Probleme sind überall die gleichen, das Klima ist überall gleich schlecht. Aber in großen, industriegetriebenen Ländern wie den USA oder auch Staaten in Asien spürt man weiterhin eine „Vorwärts“-Stimmung. Man glaubt dort, dass man die Probleme bewältigen kann. So entstehen Ideen. Und das fehlt mir in Deutschland: das Zutrauen, die massiven Probleme, die wir haben, lösen zu können.
Carl-August Seibel: Man wundert sich darüber, dass ein ökonomischer Riese in der EU und eine der stärksten Wirtschaftsnationen auf dem Planeten sich selbst beschneidet. Man nimmt kritisch wahr, dass wir auch moralisch Vordenker sein wollen und anderen Ländern gegenüber mit dem erhobenen Zeigefinger auftreten. Dabei geht es um die Frage, wie viel Respekt man anderen Systemen gegenüber hat – auch wenn man vieles dort nicht gut findet. Denn auch wir sind Teil der globalisierten Welt und machen nicht alles perfekt.
Carl-August Seibel: Wir haben eine sehr gute Resonanz erfahren, unser Konzept mit Bildsprache und Message ist sehr gut angekommen. Unsere Heritage oder Signature-Produkte sind mit Abstand die wichtigsten Schuhe für uns und erleben in der neuen Bildsprache ein regelrechtes Revival. Wir sind dennoch keine Sneaker-Company geworden. Das waren wir nie und wollen es auch nicht sein. Unsere Produkte haben typische Merkmale, die wir nun noch stärker herausgearbeitet haben. Wir sind zufrieden mit dem Feedback auf unseren Neuauftritt. Nun braucht es noch etwas Feinarbeit.
Carl-August Seibel: Westland hat in der Pandemie vom Hausschuh-Boom profitiert. Der ist jetzt aber erstmal vorbei und die Nachfrage hat sich wieder normalisiert. Wir müssen den Kern der Marke noch stärker herausarbeiten. Da ist noch Potenzial zu heben.
Carl-August Seibel: Es gibt viele Beispiele dieser Art. Ich finde das Vorgehen dieser Marken zweifelhaft. Wir sind sehr B2B-orientiert. Der Handel ist für uns extrem wichtig. Ihn auszuschließen oder in Kategorien einzuteilen, das sehen wir für uns nicht. Ich verstehe, dass sich Marken in anderen Umfeldern sehen. Aber der Handel hat diese Marken groß gemacht. Ich kann Schuhhändlern nur empfehlen, sich nicht zu sehr auf solche Marken zu konzentrieren, sondern sich lieber breiter aufzustellen. Man muss sich Alternativen aufbauen.