Am 23. Juli 2020 wurde dem Antrag von Aktiv-Schuh auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung entsprochen. Inzwischen ist das Verfahren beendet. Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie heute damit?
Wir sind erleichtert, dass das Verfahren ausgestanden und per Ende April beendet ist. Gleichwohl haben wir keine wirkliche Zeit zum Durchschnaufen. Die Gesamtsituation verlangt uns auch weiterhin alles ab. Das hört nicht auf, nur weil das Verfahren beendet ist. Wir sind ja nicht in einem eigenen Kosmos unterwegs. Wir hatten die Begleiterscheinungen des Verfahrens zu bewältigen, die eine zusätzliche Last waren. Es ist kein Spaß, so einen Prozess zu durchlaufen.
Wie haben Sie als Geschäftsführer den Prozess erlebt? Wo sind Sie an persönliche Grenzen gestoßen? Gab es Phasen, in denen Sie auch der Mut verlassen hat?
Grundsätzlich haben wir die Entscheidung für das Verfahren bewusst getroffen. Wir haben uns im Vorfeld inhaltlich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und uns früh mit Beratern umgeben, sind verschiedene Szenarien durchgegangen und haben versucht, bestmöglich zu antizipieren, was da auf uns zukommen würde, zu welchen Ergebnissen es führen könnte und wie sinnhaft ein solcher Schritt sein würde. Dann sind wir ihn gegangen. Unabhängig davon ist es so: Dies ist unser erstes Verfahren und man wird mit Dingen konfrontiert, von denen man im Vorfeld nichts wusste. Es gibt immer Überraschungen und Entwicklungen, die nicht vorhersehbar sind. Dementsprechend muss man sich immer wieder neu justieren. Wir haben aber das eigentliche Ziel des Verfahrens nie aus den Augen verloren. Wir hatten immer die Gewissheit, dass wir dieses Ziel so erreichen würden, wie wir uns das vorgenommen haben. Sicher gab es hier und da den einen oder anderen Umweg, den wir einschlagen mussten. Unterm Strich haben wir zu keinem Zeitpunkt Zweifel am Weg als solchen gehabt.
Wo gab es Schwierigkeiten?
Es ist einfach irrsinnig viel Arbeit. Das eigenverwaltete Insolvenzverfahren bringt es mit sich, dass wir als Insolvenzschuldner einen wesentlichen Teil der Arbeit übernommen haben, die im klassischen Regelverfahren der Insolvenzverwalter ausführt. Die operativen Entscheidungen, die strategisch mit den Beratern abgestimmt werden, setzt man selber um. Ich finde es rückblickend gut, dass wir es so gemacht haben.
Zu welchem Zeitpunkt haben Sie gewusst, dass Sie Maßnahmen ergreifen müssen, dass es nicht reicht, nach dem ersten Lockdown 2020 wieder ins Daily Business zurückzukehren?
Wir wussten Mitte des Jahres 2020, dass wir den Weg in Richtung des Verfahrens gehen würden. Wir haben nach dem ersten Lockdown sukzessive und flächengrößenabhängig wieder geöffnet und uns angeschaut, wie es lief. Unmittelbar nach den Öffnungen herrschten umsatzmäßig katastrophale Rahmenbedingungen. Das hat sich dann Monat für Monat gebessert. Auch unsere interne, sehr konservative Planung wurde regelmäßig übertroffen. Nichtsdestotrotz ist relativ schnell die Erkenntnis gereift, dass wir trotz dieser Entwicklungen innerhalb einer belastbaren Zeitschiene nicht auf die Größenordnungen kommen würden, die wir brauchen würden, um unseren Apparat aufrecht erhalten zu können. Es gab zwar Frequenzen – aber es waren andere Frequenzen. Es fehlten die Touristen. Es fehlten die Pendler unter der Woche, die in unseren Innenstadtlagen massiv zu Buche geschlagen haben. Anders als bei unseren Standorten im ländlichen Raum gab es große Differenzen zu den eigentlichen Soll-Umsätzen. Da war dann irgendwann klar: Abwarten reicht nicht. Wir müssen die nächste Eskalationsstufe zünden.
Öffnungsverbote, Frequenzrückgänge und gleichzeitig hohe Kosten, z.B. im Bereich der Mieten, haben das Unternehmen in Schwierigkeiten gebracht. Wäre es ohne Corona auch zur Krise von Aktiv-Schuh gekommen?
Nein. Fakt ist, die Innenstädte sind schon seit Jahren frequenzmäßig rückläufig. Ungeachtet dessen haben wir natürlich immer versucht, organisatorische Maßnahmen zu treffen, um diesem Umstand Rechnung zu tragen. Ein solcher Impact, wie ihn die corona-bedingten Konsequenzen mit sich gebracht haben, war in keinster Weise vorhersehbar. Ich kenne niemanden, der solche Themen irgendwo mal in seiner langjährigen Business-Strategie geplant hat. Jetzt ist es so gekommen und man muss bestmöglich damit umgehen. Unsere Branche, die Gastronomie und die Hotellerie, diese drei leisten stellvertretend für den Rest ein exklusives Sonderopfer zur Pandemiebekämpfung. Das ist beispiellos. Es kann mir bis heute niemand rational begründen, warum Blumenläden, Buchläden und Gartencenter eine vermeintlich lebensnotwendige Handelssparte sein sollen, Schuh- und Textilgeschäfte aber nicht. Daran sieht man ein Stück weit das erratische Verhalten der Politik in ihrer Entscheidungsfindung und ihren Maßnahmen. Es ist Trial and Error. Man hat sich auf unseren Bereich eingeschossen, und der muss das jetzt ausbaden. Das wäre auch erträglich, wenn die politisch Handelnden Kompensationsmaßnahmen nicht nur in Aussicht stellen, sondern auch in die Umsetzung bringen würden. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir ohne Corona keinesfalls in diese Situation geraten wären.