„Wir müssen die Interessen der Branche vehementer vertreten“
Interview mit Eva Maria Schaffner und Rolf Pangels
- 04.01.2023
- Petra Steinke
- 8 Minuten
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Interview mit Eva Maria Schaffner und Rolf Pangels
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Headerfoto: BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels (Foto: BTE)
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Schaffner: Die Stimmung im Schuhhandel ist derzeit doch recht angespannt, das muss man offen sagen. Der Schuhhandel ist, wie der Einzelhandel insgesamt, einerseits von einer hohen Inflation und gestiegenen Energiekosten betroffen. Erschwerend kommt hinzu, dass einige größere Schuhhandelsunternehmen insolvent sind oder sich in einer wirtschaftlichen Schieflage befinden und mit groß angelegten Räumungsverkäufen Ware nahezu verschleudern. Das sorgt natürlich nicht unbedingt für auskömmliche Renditen und führt teilweise zu ruinösen Preiswettkämpfen in der gesamten Branche. Andererseits leiden die Konsumenten ebenso unter den gestiegenen Preisen wie auch einer zunehmenden Angst vor Arbeitslosigkeit, was letztendlich zu einem verhaltenen Konsum führt.
Pangels: Die H/W-Saison ist nicht unbedingt schlecht gestartet, aber aufgrund des milden Wetters und weiterer externer Faktoren war die Umsatzlage bis Mitte/Ende November zunächst etwas schlechter und die Stimmung eher getrübt. Der Wetterwechsel Anfang
Dezember hat die Nachfrage dann erfreulicherweise deutlich angekurbelt. Bei deutlichen Minustemperaturen standen warme Schuhe hoch im Kurs. Die bereits von Frau Schaffner genannten allgemeinen Probleme sind aber natürlich weiterhin da. Hinzu kommt ein nach wie vor hoher Krankenstand bei den Mitarbeitenden im Schuheinzelhandel.
Schaffner: Die Händlerstimmen bezüglich der Umsätze im Weihnachtsgeschäft 2022 sind nach unseren bisherigen Informationen durchaus positiv. Vergleicht man den Dezember 2022 mit demselben Monat im Vor-Coronajahr 2019, so sind die Umsätze pari oder im einstelligen Bereich gestiegen. Händler, die besondere Marketingaktionen wie Jubiläumsverkäufe oder Couponaktionen am POS durchgeführt haben, sprechen sogar von zweistelligen prozentualen Umsatzzuwächsen. Wir werden sehen, was in den ersten Wochen des neuen Jahres noch geschehen wird, wenn z.B. Warengutscheine oder Geldgeschenke eingelöst werden.
Eva Maria Schaffner, Referentin Betriebswirtschaft beim BTE (Foto: BTE)
Schaffner: Das gebremste Konsumentenverhalten, ein schwieriges bis angespanntes Lieferanten-Händler-Beziehungsmanagement, die allgemeine Preisentwicklung sowie der Fachkräftemangel sind Themen, die den Schuheinzelhandel derzeit sicherlich am stärksten beschäftigen. Aber auch erhöhte Mietpreise in Kombination mit steigenden Energiekosten belasten die Branche sehr.
Pangels: Die zunehmende Bürokratie belastet die Schuhbranche zusätzlich. Aktuell müssen z.B. viele Händler nachweisen, dass sie in der Pandemie zu Recht Förder- oder Unterstützungsgelder bekommen haben. Sie müssen nach schriftlichen Aufforderungen Unterlagen nachliefern, die eigentlich schon vorliegen. Das kommt jetzt zur Unzeit und ist für viele eine echte Belastung. Hinzu kommen grundsätzlich immer komplexer werdende Anforderungen des Datenschutzes und auch von Bauvorschriften.
Schaffner: Es gibt nach unserer Kenntnis immer mehr Lieferanten, die ihr D2C-Business ausbauen und den klassischen Einzelhandel als Partner zunehmend außen vorlassen und z.B. nicht mehr mit entsprechender Ware beliefern. Monolabelstores, als D2C geführt, sind in diesem Zusammenhang ebenfalls ein Thema. Für den Schuheinzelhandel ist dieses Verhalten prekär: Was macht man, wenn man einen Kundenstamm aufgebaut hat und die Ware plötzlich nicht mehr bekommt?
Pangels: Wir müssen dieses Thema weiter fassen. Es geht um den Umgang von Lieferanten und Händlern miteinander. Die sich wandelnden ökonomischen Rahmenbedingungen verlangen dringend nach Veränderungen und Anpassungen in der Wertschöpfungskette für den gesamten Schuhhandel. Dies mit dem Ziel, die Prozesse zwischen den Marktpartnern effizienter zu organisieren und näher am tatsächlichen Bedarf und an den Wünschen der Endkunden zu agieren. Hierzu müssen nicht nur festgefahrene Gepflogenheiten im Order- und Lieferprozess auf den Prüfstand gestellt, sondern auch Möglichkeiten für neue, innovative und der Bedeutung der Distributionskanäle gerecht werdender Leistungsangebote gefunden werden. Jeder schaut aktuell, dass er sich selbst
gut positioniert. Dabei sollte man in einer Krise doch eigentlich zusammenstehen.
Schaffner: Vorhersagen sind vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen natürlich schwierig. Die allermeisten Prognosen von Wirtschaftsexperten deuten darauf hin, dass 2023 aufgrund der bereits 2022 relevanten Probleme auch für den Schuheinzelhandel herausfordernd sein wird. Es wird nach meiner Einschätzung ein schwieriges Jahr für die Branche werden.
Pangels: Die Inflation wird uns sicherlich noch länger beschäftigen, der Ukraine-Konflikt wird wahrscheinlich noch weiter andauern und auch Corona ist noch nicht ganz verschwunden. Auch werden manche Probleme erst 2023 richtig durchschlagen. Viele Händler hatten z.B. bisher noch „gute“ Verträge mit ihren Energielieferanten, die sie bisher vor höheren Kosten geschützt haben. Viele davon laufen nach unseren Informationen jedoch 2023 aus. Es ist wie eine Welle, die wir vor uns herschieben. Ob die Menschen in diesem Jahr wieder mehr Schuhe kaufen werden, ist unklar. Ob der Staat noch mehr fördern kann, aber auch. Zusätzlich wird auch die Rekrutierung von geeignetem Personal eine weitere Herausforderung für die Schuhbranche darstellen. Wir müssen die vor uns liegenden Probleme und Krisen bewältigen, so gut es geht. Aktuell ist es so, dass viele Lieferanten möglichst frühe Aufträge empfehlen, um pünktlich liefern zu können. Das setzt die Händler sehr unter Druck.
Schaffel: Ja, das stimmt. Das ist tatsächlich ein dickes Brett, an dem auch wir als Verbände mit bohren müssen. Dass sich die Einkaufstermine in den vergangenen Saisons zeitlich nach vorn geschoben haben, mag den Problemen der Lieferketten geschuldet sein, mit der weite Teile der Wirtschaft konfrontiert waren. Da nun die Transportwege wieder reibungsloser funktionieren, müssen auch die Einkaufstermine wieder nach hinten gefahren werden. Nur dann hat der Einkauf die Möglichkeit, angesichts aktueller Verkaufserfahrungen und Kundengespräche die künftigen Kundenwünsche besser einzuschätzen und seinen Wareneinkauf darauf auszurichten. Andernfalls verspielt er mit einem „Blindflug“ beim Ordern nicht nur Kundenvertrauen, sondern kann nur über zu hohe und zu zeitige Preisreduktionen sein Warenlager gegen Saisonende bereinigen. Dies gilt gleichermaßen für Ausliefertermine, die dem üblichen Wetter- und Temperaturverlauf einer Saison angepasst sein müssen. Zu frühe Warenlieferungen führen erfahrungsgemäß zu wenig attraktiven, weil nicht bedarfsgerechten Sortimenten und zu frühen Preisabschriften. Dass zur Unzeit gelieferte Ware zu hohen Kosten dann z.B. in begrenzten Innenstadtlagen eingelagert werden muss, kommt hinzu. Wir sehen den BTE diesbezüglich in einer Position des Moderators zwischen Industrie und Handel, damit nicht nur einer fordert und der andere erfüllen muss bzw. soll. Es ist letztlich ein Geben und Nehmen. Wenn jeder nur auf seinen eigenen kurzfristigen Profit ausgerichtet ist, führt das zu negativen Gesamtentwicklungen. Wir werden sicherlich nicht von heute auf morgen konkrete Lösungen finden aber
wir können versuchen, den Dialog zwischen den Branchenpartnern mitzugestalten.
Schaffner: Das lässt sich nicht mit einer pauschalen Aussage beantworten. Fachmärkte auf der grünen Wiese sind besonders stark betroffen durch hohe Energiekosten und dem Fehlen geeigneten Personals. Gleiches gilt für Großfilialisten, die neben dem Personalmangel auch höhere Mieten in Innenstädte zu zahlen haben. Der inhabergeführte Fachhandel in der eigenen Immobilie hat ganz andere Möglichkeiten und hat es vielleicht auch leichter Personal zu finden. Zweifellos ist dies ein Vorteil des klassischen Fachhandels, dass er relativ nah am Kunden sein kann, die Bedürfnisse erfragen und darauf schnell reagieren kann. Verkaufsformen wie Monolabelstores, mit großer Abhängigkeit von einem Lieferanten, sind ebenso schwieriger im Markt zu halten. Generell lässt sich sagen, dass in jedem Fall ein ausreichender Umsatz realisiert werden muss, um rentabel zu arbeiten. Der Cash Flow und die Liquidität sind entscheidend für das Überleben der Unternehmen in den nächsten Jahren. Eine Schuhhändlerin hat mir vor kurzem berichtet, dass es in der Krise durchaus auch ein Trading Up im Unternehmen geben kann. Sie hatte eine Kundin, die eigentlich einen günstigen Schuh kaufen wollte, sich dann aber für ein hochwertiges und damit auch teureres Modell entschied, weil dieses nachhaltiger ist und länger hält.
Schaffner: Die Schuhbranche ist, das sehen wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit, in wirtschaftlichen Höhen und Tiefen grundsätzlich recht beständig und Schuhe müssen ja auch mehr oder weniger immer getragen werden. In jedem Fall muss der Schuhhandel mit seiner hohen Kostenstruktur ausreichenden Umsatz und einen guten Cash Flow mit entsprechenden Margen erwirtschaften, um seine Liquidität zu sichern. Auch staatliche Hilfen sollten, wo möglich, in Anspruch genommen werden. Zudem gilt es, das Einkaufsmanagement zu optimieren, um zu hohe Warenbestände zu verhindern. Und der Handel muss gut geschultes Personal auf der Fläche haben. Der Kunde merkt, wie die Stimmung in einem Geschäft ist.
Pangels: In meiner subjektiven Wahrnehmung sind viele Schuhgeschäfte oftmals viel zu langweilig bzw. zu unattraktiv. Wenn wir alle propagieren, dass die Innenstädte die Anlaufpunkte für den Erlebniseinkauf sein sollen, dann müssen trotz der Krisen auch die Attraktivität, der Service und die Dienstleistungen der einzelnen Schuhgeschäfte verbessert werden. Wir brauchen hier meiner Meinung nach deutlich mehr Kreativität und mehr Wagemut. Das klingt vielleicht etwas verrückt in diesen Zeiten. Aber man muss sich überlegen, wofür man steht und wie man die Menschen begeistern kann. Wie übrigens die Deutschlandstudie Innenstadt 2022 ergeben hat, wünschen sich rund 74% der Verbraucherinnen und Verbraucher attraktive Schuhgeschäfte in Innenstädten.
Pangels: Wir sind ein klassischer Lobbying-Verband. Wir setzen uns auf übergeordneter Ebene für eine liberale Wirtschaftspolitik ein. Konkret setzen wir uns z.B. dafür ein, eine weitere Erhöhung von Steuern und Sozialabgaben zu verhindern. Auch der Abbau der kalten Progression ist ein Thema, das wir auf der Agenda haben. Ebenso beschäftigen uns die Themen Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, welche auch für die Schuhbranche künftig an Bedeutung gewinnen werden. Wir befassen uns mit den Auswirkungen des nationalen Lieferkettengesetzes – und seines europäischen Pendants. Das betrifft schließlich auch den Bereich Schuhe. Ich warne diesbezüglich davor, dass der Schuhhandel die Haltung einnimmt, das gehe ihm nichts an. Insgesamt muss ich sagen, dass die Mode- und Schuhbranche keinen sonderlich guten Ruf bei Politikern hat. Da heißt es schnell, ihr habt zu viel Ware, zu hohe Retouren und ihr werft zu viel Ware weg. Wir werden als Verband diesbezüglich weitere Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten haben. Deshalb bauen wir ja in Berlin ein neues Büro auf und werden zusätzlich einen neuen Fachausschuss Schuhe innerhalb des BTE implementieren.
Pangels: Das zu transportieren, ist unsere Aufgabe. Man muss gegenüber den Unternehmen dann auch klarer sagen, wo man mitgewirkt und welche Erfolge man erreicht hat. Dann wird man auch glaubwürdig. Wir werden hierzu beispielsweise ein neues „Berlin-Briefing“ starten, um die Branche über unsere Aktivitäten besser zu informieren. Klar ist aber in der Tat auch, dass es uns künftig deutlich besser gelingen muss, die Themenfelder für unsere Branche zu schärfen und die Interessen der Branche deutlich vehementer zu vertreten. Und wir sind natürlich nicht alleine: Wir agieren immer in Kooperation und Abstimmung mit dem HDE, in dessen Räumen wir unser neues Berlin-Büro bezogen haben.
Schaffner: Zunächst freue ich mich sehr auf die Aufgabe in Berlin und glaube, dass wir mit unserer Arbeit viel bewegen können. Ich werde Ansprechpartnerin für den Schuhhandel sein und mich besonders für die Belange dieser Branche einsetzen. Konkret geht es darum, die Bedürfnisse der Schuhhändler besser zu verstehen und uns als Interessenvertretung dafür einzusetzen. Dazu gehören aktuelle Themen, wie Hilfen und Beratung für Unternehmen bezüglich gestiegener Energiekosten, Verhinderung von Steuererhöhungen, Abbau der kalten Progression, Verhinderung weiterer „Auswüchse“ des Lieferkettengesetzes auf nationaler und internationaler Ebene etc.. Aber auch um spezifische Themen, den Schuhfachhandel betreffend, wie etwa die Studie „Schuhkarton“, die Aufbereitung und Bereitstellung statischen Materials oder die Unterstützung und Stärkung innerstädtischer Gegebenheiten, werde ich mich kümmern.
Pangels: Zudem werden wir zu Beginn des Jahres Webinare zum konkreten Umgang und den Anforderungen des neuen Lieferkettengesetzes anbieten. Des Weiteren werden wir im Frühjahr eine Kampagne zur Gewinnung neuen Personals in der Mode- und Schuhbranche starten. Abschließend möchte ich aber sagen, dass wir auch vom Schuhhandel selbst mehr Engagement zur Lösung der Probleme einfordern müssen. Neben den bereits in unseren Augen erforderlichen und dargelegten Maßnahmen möchten wir die Schuhbranche animieren, sich künftig stärker in lokalen Standortgemeinschaften zu engagieren, an verkaufsoffenen Sonntagen teilzunehmen und verbraucherfreundliche Ladenöffnungszeiten anzubieten. Hier ist noch Luft nach oben, wie man so schön sagt; da kann noch viel passieren. Zudem sollte sich die Branche auch einmal mit den zahlreichen Förderprogrammen zur Attraktivierung der Innenstädte auseinandersetzen und diese in Anspruch nehmen. Hierbei sind wir als Verband natürlich gerne behilflich.