Wo klemmt es bei Elvis?
„Stell Dir vor, es gibt ein Tool, das kaum einer nutzt“
- 13.02.2026
- Christopher Mastalerz, Petra Steinke
- 4 Minuten
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Headerfoto: Schuhkartons von Puma (Foto: Puma)
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Im Oktober 2023 veröffentlichte schuhkurier ein Foto von drei branchenweit bekannten Herren: Ralf Meurer, seinerzeit Geschäftsbereichsleiter bei Gabor, neben dem Schuhhändler Roman Degenhardt (Der Schuhladen, Bebra) und dem Geschäftsführer Marketing und Vertrieb des European-Clearing-Centers (ECC), Stefan Nicolai. Die drei hatten sich etwas Neues für die Branche ausgedacht: Sie wollten die Nachorder vereinfachen. Ausschlaggebend war der Eindruck von Ralf Meurer – so erinnert sich Degenhardt –, dass die großen Nachorderangebote des Herstellers nur von einer Minderheit der Händler genutzt würden. Der Grund dafür: Viele Händler hatten keinen direkten Zugriff auf die nachlieferbaren Schuhe. Nach ihnen zu suchen, bedeutete, sich mühsam durch die Angebote eines jeden Herstellers zu arbeiten. „Schuhe jagen“, nannte das eine Händlerin, die sich an Wochenenden mühsam und von Schuh zu Schuh klickte, um zu prüfen, ob ein Modell kurzfristig lieferbar wäre.
Roman Degenhardt, Ralf Meurer und Stefan Nicolai arbeiteten gemeinsam an der Prozessoptimierung in der Schuhbranche. (Foto: Redaktion)
Meurer, Nicolai und Degenhardt entwickelten angesichts dieses Problems Elvis (Elektronische Lieferanten-Verfügbarkeit im Warenwirtschaftssystem). Das Tool basiert darauf, dass Hersteller mehrmals täglich oder sogar permanent ihre nachlieferbaren Bestände an das ECC melden. Diese Information wird dann an die vier Warenwirtschaftssysteme His, Bits, Apollon und Ipos weitergegeben. Der Händler wiederum kann im System seine Sortimentslücken mit den Beständen des Herstellers abgleichen und bei Bedarf eine Order auslösen – im Idealfall via EDI. „Elvis ermöglicht es, den Nachorderprozess für den Händler übersichtlich und einfach zu gestalten, sodass Sortimentslücken erst gar nicht entstehen oder schnellstmöglich geschlossen werden können“, erklärte damals Stefan Nicolai. Schuhhändler Roman Degenhardt zeigte sich von Elvis angetan: „Das System ist eine erhebliche Vereinfachung für uns Händler, da die Nachorder von Saison- und NOS-Artikeln nun direkt in der Warenwirtschaft getätigt wird und nicht in unterschiedlichen B2B-Shops. Jeder Lieferant sollte dem Beispiel von Gabor folgen und seine Bestände dem ECC bereitstellen.“ Das taten dann auch etliche Unternehmen. In den Monaten nach dem Launch verkündeten mehrere Lieferanten, nun mit Elvis zu arbeiten, darunter die Wortmann-Gruppe, Rieker, Ara, Josef Seibel, Ganter, Jomos und Meier Lederwaren.
Gut zwei Jahre nach dem Start von Elvis sind insgesamt 42 Lieferanten live, sieben weitere befinden sich im Onboarding-Prozess. Und 95 Händler nutzen das Tool. „Es sind viel zu wenige“, sagt Roman Degenhardt. „Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Order viel stärker am Saisonverlauf ausgerichtet sein sollte, wäre es wichtig, dass Händler diese Möglichkeit nutzen.“ Auch in der Industrie herrscht Ernüchterung. Sven Meier (Lederwaren Meier) erklärt: „Es sind nach wie vor nur eine Handvoll Händler, die Nachbestellungen darüber tätigen. Es dümpelt so dahin.“
Lederwarenhändler würden es gar nicht nutzen. Für das Tool selbst kann der Geschäftsführer des Taschenherstellers nur Positives sagen: „Auf unserer Seite läuft alles mit dem Datenexport und die Orders kommen auch an. Das Tool läuft einwandfrei, was die Übertragung betrifft. Vielleicht schreckt die Gebühr in wirtschaftlich angespannten Zeiten ab. Elvis müsste viel mehr promotet werden und vielleicht auch einen erreichbaren Support – übergreifend über die angeschlossenen Warenwirtschaftssysteme – aufbauen, der bei technischen Fragen oder Hürden im Handling sofort weiterhelfen kann.“
Auch beim ECC selbst erklären die Verantwortlichen in Bezug auf die Händlerzahl: „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollten“, so Geschäftsführer Stefan Nicolai. Doch die Zahlen zeigen auch: Diejenigen, die es benutzen, sind zufrieden: „Wir haben quasi keine Kündigungen. Das zeigt, dass es mit einem positiven Mindset genutzt wird.“ Um die Hemmschwelle für Elvis und die Orderfunktion zu senken, hat das ECC sein Monetarisierungsmodell angepasst. In der neuen Preisliste, die seit diesem Jahr mit der nächsten Vertragsverlängerung in Kraft tritt, entstehen neben der Elvis-Grundgebühr durch die Nutzung keine weiteren Kosten. Dazu wurden bereits jetzt die Kosten eingefroren. Zuvor mussten Händler für die Verbindung zu jedem Hersteller einzeln zahlen, was vielen zu unübersichtlich war. „Mit dem Preismodell nehmen wir die Kostenhürde für Datenaustausch. Jetzt gilt die Devise: Wenn du Datenaustausch machst, mach so viel wie möglich. Denn es wird immer effizienter“, sagt der Geschäftsführer.
„Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Order viel stärker am Saisonverlauf ausgerichtet sein sollte, wäre es wichtig, dass Händler diese Möglichkeit nutzen.“
Roman Degenhardt|Der Schuhladen, Bebra
Marcus Höhne, Schuhhaus Max Hittcher
Dass die Nutzer von Elvis zufrieden sind, bestätigt Marcus Höhne (Schuhhaus Max Hittcher): „Für jeden Händler, der im großen Maße nachbestellt, ist Elvis eigentlich ein Must-have. Und ich kenne keinen Händler, der Elvis nutzt und etwas Negatives dazu sagt.“ Roman Degenhardt nutzt Elvis intensiv: „Ich schaue am Wochenende, ob Artikel lieferbar sind“, erklärt der Händler aus Hessen. Das geht ganz einfach in seinem Warenwirtschaftssystem. Degenhardt kann beim Blick auf ein Schuhmodell die Bestände in seinem Lager und seinen Filialen sehen. In einer Extrazeile ist zudem unter dem Begriff „Elvis“ angegeben, ob und in welchen Größen das betreffende Schuhmodell beim Hersteller am Lager ist. Diese Information wird automatisch eingeblendet, ohne dass der Händler irgendwo klicken müsste. Ulrich Volk (Schuh Volk) lobt vor allem die Verzahnung von Elvis und den Ordermöglichkeiten im Warenwirtschaftssystem: „Ich nutze Elvis sehr intensiv – und seit es Elvis gibt, besuche ich fast keinen B2B-Shop mehr. Die meisten Händler verwenden die manuelle Einzelbestellung. Noch spannender finde ich jedoch die Möglichkeit, sehr gut laufende Artikel automatisiert nachsteuern zu lassen. Ich kann einmal ein Minimum und Maximum definieren, und solange der Schuh verfügbar ist, wird er automatisch nachbestellt.
Ingo Hänel, Schuh-Beck (Foto: Schuh-Beck)
Christian Kühn (Ara) bedauert, dass viele Händler noch Berührungsängste haben: „Wir gehen das Thema aktiv an und sprechen unsere Händler darauf an. Mein Vorschlag wäre: Einfach mal machen statt immer Perfektionismus anzustreben. Wir hören oft von Händlern, das Tool sei noch nicht ausgereift. Es wird darauf geschaut, was Elvis alles nicht kann, statt zu sehen, welche Vorteile es bietet. Aus meiner Sicht müsste nochmals verdeutlicht werden, wofür Elvis steht und was genau Elvis kann.“ Elvis sei der ideale Einstieg in ein erfolgreiches In-Season-Management: „Wie ein erfolgreiches In-Season-Management funktioniert, sehen wir bei unseren Betreibermodellen in Österreich. Wir setzen dort auf eine niedrigere Vororder und pushen den Erfolg über eine automatisierte, schnelle Nachlieferung, ergänzt um die Rücknahme von Artikeln, die an einem Standort nicht funktioniert haben. Über einen aktiven Renner-Penner-Tausch werden diese Artikel an andere Filialen abgegeben.“ Technische Hürden habe es zwar gegeben, aber sie seien wirklich die Ausnahme, betont Marcus Höhne: „Es gab manchmal Probleme bei der Datenübermittlung, aber das ist wirklich die Ausnahme. Bei Herstellern, die CPA für die Lagerverwaltung nutzen, können manchmal noch Probleme bei der Abfrage auftreten. Bei Gabor kommt außerdem hinzu, dass die EANs aktuell gehalten werden müssen, deswegen bekommt man mit alten EANs keine aktuelle Ware mehr angezeigt. Aber das wird ab Herbst/Winter kein Problem mehr sein.“
Ingo Hänel (Schuh-Beck) nutzt Elvis aktuell noch nicht: „Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es eine Kapazitätsfrage. Wir haben in den zurückliegenden Monaten etliche andere Baustellen zu bewältigen gehabt. Unterdessen haben wir unsere Kompetenzen in dem Bereich ausgebaut; eine Mitarbeiterin beschäftigt sich jetzt mit den Themen EDI und NOS – das sind für uns unmittelbare Hebel hin zu einer besseren LUG. Hinzu kommt für unser Unternehmen ein immer noch zu hoher Vororderbestand, gerade in der aktuellen Saison. Ich warte daher möglichst lange mit Nachbestellungen. Und wenn ich im Saisonverlauf noch Ware brauche, schaue ich eher nach Posten.“ Die aktuelle Trendentwicklung mache ein Tool wie Elvis aktuell auch gar zwingend erforderlich, argumentiert der Händler: „Was mir persönlich fehlt, sind die großen Strömungen in der Mode. Gäbe es diese, würde ich natürlich ins System schauen und gezielt – über Elvis – nach Modellen dieses Trends suchen. Tatsächlich ist es aber so, dass wir mit unserem Sortiment die Bandbreite der Mode abbilden.“
Auch sonst ist im Markt das häufigste Argument die aktuelle Situation: Viele Läger sind voll, die Kassen nicht. Frank Lüttig (Ara) kommentiert: „Aktuell sind etwa 60 Händler bei uns angebunden. Sie nutzen das Tool Elvis aber nicht alle. Und wir sehen auch, dass Artikel, die sich hervorragend verkauft haben, teilweise nur sehr verhalten nachbestellt werden. Die Verbundgruppen fordern den Handel auf, die Vororder zu reduzieren und die Nachorder hochzufahren. Die Nachorder ist aber nicht im richtigen Verhältnis gestiegen, da der Saisonverlauf zu schwach war.“ Das Thema Nachorder steht nicht ganz oben auf der To-Do-Liste des Schuhhandels. Egal mit welchem Tool.
„Mein Vorschlag wäre: Einfach mal machen statt immer Perfektionismus anzustreben.“
Christian Kühn|Ara
Ulrich Volk vermutet zudem, dass bislang das alte Bezahlmodell viele Händler abgeschreckt hat und hofft darauf, dass die neue Struktur bisher zögernde Händler motiviert: „Die Struktur wirkt etwas anspruchsvoll. Für Elvis gibt es einen separaten Aktivierungsprozess sowie zusätzliche Servicegebühren, die nicht jeder Händler direkt einordnet. Ich hoffe sehr, dass die neue, transparente Gebührenstruktur des ECC – mit einem attraktiven Gesamtpreis – mehr Händler motivieren wird, dieses Potenzial für sich zu nutzen.“ Roman Degenhardt ist davon überzeugt, dass Elvis mit seinem Pauschalpreis von 40 Euro im Monat sein Geld wert ist: „Das ist ein Betrag, der sich auf jeden Fall rechnet, denn es sind genügend Hersteller dabei.“ Degenhardt sieht aber noch einen weiteren Aspekt: die generelle Zurückhaltung des Schuhhandels bei technischen Weiterentwicklungen. Dem will er mit Informationen entgegentreten. So habe es bereits Schulungen bzw. Webinare von Händler zu Händler gegeben. Auch stellten Warenwirtschaftsanbieter Informationen zu Elvis bereit. Auf vielen Messen könne ein Händler sich das Tool zeigen lassen. So sollen auch Ängste abgebaut werden.
Doch auch, wer Elvis nutzt, nutzt für die Order weiterhin oft den klassischen Mail-Weg oder den B2B-Shop der Lieferanten, erklärt Nicolai: „Viele nutzen Elvis als reines Informationsinstrument und weniger für die Order. Die Bestellung direkt im System findet nach unserem Eindruck noch nicht so oft statt.“ Im letzten, entscheidenden Schritt würden viele Händler doch an den gewohnten Prozessen festhalten wollen. Die Frage, wie die Orders aus Elvis beim Hersteller ankommen, ist in Teilen noch nicht endgültig geklärt. Tatsächlich könnte es für einen Händler aktuell noch einfacher und schneller sein, ein lieferbares Modell über den B2B-Shop des Herstellers zu ordern. Dann kommt der Schuh in der Regel binnen 24 Stunden an. Um über Elvis eine ebenso schnelle Lieferung zu ermöglichen, müsste die Bestellung beispielsweise mit einem Merkmal versehen werden, damit der Hersteller weiß, dass es sich hierbei um eine Sofortorder handelt. Oder aber die Order erfolgt über EDI – das wäre der Idealfall. Aber auch hier ist die Durchdringung im Markt bekanntermaßen noch weit von dem entfernt, was wünschenswert wäre.
Johannes Schnütgen (Foto: ANWR/Silvia Malkmus)
Um Händler bei der praktischen Umsetzung von Digitalisierungsthemen zu beraten, hat das ECC Johannes Schnütgen als Senior Consultant für sich gewonnen. Er war zuvor bei der ANWR Schuh und kennt die Perspektive als Händler, hat aber auch praktische Erfahrung in der Beratung, insbesondere bei Digitalisierungsthemen. „Wir wollen den Händlern konkret ein paar Fallbeispiele nennen, wie sie ihre Nachorder mit Elvis durchführen können. Wir müssen ihnen zeigen, wie viel schneller es geht, als sich durch die Bestseller zu klicken und erst die nachorderbaren Modelle rauszusuchen“, erklärt Schnütgen. Dabei kann Elvis nur Teil davon sein, bei der Orderplanung umzudenken. Der Consultant will ganzheitlich dahin gehend beraten, ihre Budgets für Vororder, NOS und Nachorder effizienter zu verteilen. Das sorgt nicht nur für einen größeren Effekt beim Nutzen von Elvis, sondern für mehr Handlungsfähigkeit für den Händler. „Es ist ein Prozess, bei dem die Industrie einen ersten Schritt gemacht hat. Aber die meisten Umsatzplanungen bei den Händlern haben sind nicht so eingetroffen wie erhofft, weswegen die Variabilität im Limit durch niedrigere Umsätze ausgeglichen wurde“, schlussfolgert Nicolai: „Doch wenn man genügend Budget für die Nachorder zurückhält, dann funktioniert Elvis.“
„Die Nachorder ist nicht im richtigen Verhältnis gestiegen, da der Saisonverlauf zu schwach war.“
Frank Lüttig|Ara
Marcus Höhne wünscht sich, dass mehr Händler Elvis nutzen. Auch damit es sich lohnt, neue Funktionen einzubauen, von denen alle profitieren: „Denn solange es so wenig benutzt wird, wird es auch nicht weiterentwickelt. Von einem Elvis 2.0 würde ich mir wünschen, dass auch künftige Bestände abgefragt werden können. Um die zu ordern, muss man noch auf den B2B-Shop ausweichen. Was uns noch wichtig wäre, wäre eine Filtermöglichkeit für Artikel mit Elvis-Verfügbarkeit.“ Das ECC denkt selbst bereits über Weiterentwicklungen nach. Die Darstellung von Echtzeitbeständen ist teilweise bereits möglich und soll ausgebaut werden. Auch zukünftige Bestände könnten in Zukunft angezeigt werden. Das ECC sucht außerdem nach einem Partner, um Bedarfsprognosen in Elvis zu integrieren. Doch am wichtigsten bleibt es, dafür zu sorgen, dass noch mehr Händler mitmachen.