Schuhhersteller

Karim Choukair: „Wir schaffen das nur gemeinsam“

Karim Choukair (Foto: Redaktion)
Karim Choukair (Foto: Redaktion)

Karim Choukair führt zusammen mit seinem Bruder Olivier das Unternehmen Melvin & Hamilton. Welche Folgen hat die Krise für ihn? Ein Interview.

Wie erlebt Ihr als Familienunternehmen die Corona-Krise?

 

Karim Choukair: Als Familienunternehmen eine solche Krise durchzustehen ist sicherlich ein Vorteil. Wir unterstützen uns gegenseitig, und dennoch weiß jeder, dass es nun auf jeden einzelnen ankommt. Diesen Zusammenhalt zu spüren ist ein sehr beruhigendes Gefühl.

   

schuhkurier: Nach jüngsten Meldungen wird der Mittelstand bei allen geplanten finanziellen Hilfen weitgehend außen vor gelassen. Was bedeutet das für unsere Branche?


Karim Choukair: Nach und nach erkennt wohl jeder, dass er oder sein Unternehmen auf sich alleine gestellt ist. Die Termine bei den Banken sind ernüchternd und die Zinsen bei den Krediten sind relativ hoch. Einen Teil des Risikos trägt der Unternehmer selbst.
Es ist eine Situation, in der alle überfordert sind. Die Banken sind selbst von der Corona Krise betroffen, ihnen fehlt das Personal zur Betreuung der Kunden und auch die Politik findet bislang keine klare Linie.
Für unsere Branche ist das eine Katastrophe, auf die wir sehenden Auges zusteuern. Es ist gut, dass Riesen wie Deichmann, Adidas, H&M und andere bei der Zahlung der Laden-Mieten die Reißleine gezogen haben. Das entgeht in dieser Größenordnung selbst unserer Politik nicht. Der kleinere Händler wäre sicherlich sonst mit seiner Misere alleine gelassen. Die ganze Modebranche braucht eine spezifische Lösung.
Für den Mode- und Schuhhändler bleibt die ausgelieferte F/S Ware als finanzielle Last zurück. Was werden wir in zwei bis drei Monaten nur mit der ganzen „verderblichen Modeware“ machen? Bereits jetzt beginnt bei den Onlinehändlern die Rabattschlacht. Ohne eine ordentliche politische Lösung wird es sehr viele Insolvenzen geben und unsere Handelslandschaft wird schlagartig eine andere sein.

 

Mit welchen Maßnahmen stellt Ihr Euch der Situation?


Ein wesentlicher Punkt ist, die Situation als solche zu akzeptieren und sich den Aufgaben zu stellen. Den ganzen Tag zu überlegen, was man machen soll, ist der falsche Ansatz.
Wir müssen handeln, und das jeden Tag und vor allem schnell. Für jedes Unternehmen ist jetzt die Liquidität entscheidend. Manchmal muss man dann auch schwierige und unangenehme Entscheidungen treffen.
Zudem müssen neue Ideen ran. Jede einzelne Maßnahme, die Geld reinbringt, gilt es auszuprobieren.
In der jetzigen Zeit weiß man nicht, wie der Markt reagiert. Deswegen gilt hier: Probieren geht über studieren! Es müssen neue Absatzkanäle geprüft werden, vielleicht sogar solche, die man sonst nicht bedacht hätte. Auf die Hilfe des Staates zu hoffen und abzuwarten, das ist ganz sicherlich nicht der richtige Weg.
Zuletzt sollte man das Worst-Case Szenario schon mal durchgedacht haben, das hilft bei der Ausarbeitung anderer Alternativen.

 

Partnerschaft zwischen Industrie und Handel ist ein Dauerthema in unserer Branche. Gibt es im Angesicht von Corona hier positive Nachrichten zu vermelden?


Ja, wir schaffen das nur gemeinsam. Im Moment sehe ich jedoch nur, dass jeder sich zunächst selbst retten möchte. Das ist angesichts der tragischen Situation aber eher normal und menschlich.
Problematisch wird es nur, wenn Entscheidungen getroffen werden, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Um dem entgegenzuwirken, hilft nur Kommunikation. Wir müssen mehr miteinander sprechen.
Die Aufträge für die H/W Saison zu stornieren bedeutet am Ende, dass es nach der Corona-Krise keinen „Cash-Cow“ mehr gibt, und die Konsequenz daraus liegt auf der Hand.
Je weiter die Krise voranschreitet, desto mehr werden Industrie und Handel aufeinander zugehen und gemeinsame Lösungen ausarbeiten. Davon bin ich überzeugt.

 

Ihr produziert in Indien, wo derzeit ein 21-tägiger Lockdown gilt. Was bedeutet das für Eure Produzenten? Gibt es dort Lösungen für die Unternehmen?


Ein Ausbrechen der Pandemie in Indien hätte fatale Folgen. Selbst wenn die medizinische Qualität in Indien ganz sicher besser ist als man denkt, fehlen Kapazitäten. Für nahezu 1,4 Mrd. Menschen fehlt es an Krankenhäusern. Es ist also ganz entscheidend, dass Indien diesen frühen Lockdown durchzieht und auch strikt befolgt.
Unsere Partner haben in den Fabriken Sozialpläne für die Mitarbeiter ausgearbeitet, um weiterhin die Löhne auszahlen zu können.
Selbst wenn die Fabriken wieder mit der Produktion beginnen, wird eine gewaltige Herausforderung sein, die Logistik wieder in Gang zu setzen. Die Häfen sind in ganz Asien mit verschiedensten Waren überfüllt. Es fehlen Container zum Beladen, weil ja die ganze Welt still steht. Es wird Monate dauern, bis dies abgearbeitet ist. Wir werden also selbst nach der Krise eine sehr lange Zeit mit den Folgen beschäftigt sein.

 

Wie wird die Schuhbranche „nach Corona“ aussehen?


Ich kann nicht in die Glaskugel schauen. Ich glaube, dass es auch nicht wirklich sinnvoll ist, heute darüber zu philosophieren. Sir Winston Churchill sagte bei einer seiner Brandreden während des zweiten Weltkrieges.
„Never give in, never, never, never” Es ist jetzt wieder an der Zeit, sich solcher Leitsätze zu erinnern. Wir werden niemals aufgeben!

 
Petra Steinke / 30.03.2020 - 18:15 Uhr

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