„Breitbeinig“
Diskussion zwischen Handel und Industrie
- 04.10.2022
- Tobias Kurtz
- 18 Minuten
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Diskussion zwischen Handel und Industrie
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Zur Saison F/W 2023 steigen die Preise in der Lederwarenbranche spürbar. Gleichzeitig müssen Handel und Industrie die Digitalisierung vorantreiben, um langfristig die Kostenerhöhungen zu kompensieren. Eine Herkulesaufgabe, die nur gemeinsam bewältigt werden kann.
Axel Augustin, Geschäftsführer BTE
Michael Genth, Geschäftsführer Leder Spahn, Saarbrücken
Olaf Hrastnig, Geschäftsführer Koffer-Ecke, Ludwigsburg/Kirchheim
Dietmar Jost, Geschäftsführer Jost Bags
Martin Kurz, Verkaufsleiter Vaude Packs ’n Bags
Tobias Ockenfels, Geschäftsführer Goldkrone
Markus Schelkle, Vertriebsleiter Outdoor Sports Vaude
Axel Augustin: Ich blicke einmal kurz auf das letzte Jahr zurück. Die Lage in den einzelnen Bundesländern war sehr unterschiedlich. Daraus resultieren extrem unterschiedliche Vorlagen.
Michael Genth: Wir im Saarland haben wegen der strengeren und längeren Maßnahmen den Kollegen in Rheinland-Pfalz, Luxemburg und Frankreich über Monate zugeschaut, wie sie die Kassenschublade nicht mehr zugekriegt haben.
Augustin: Von daher man muss sehr stark differenzieren. Schätzungen zufolge liegt der Modehandel 10 bis 12% unter 2019 im ersten Halbjahr. Aber es gibt es Riesenunterschiede. Ich befürchte fast, dass es bei Lederwaren schlechter ist.
Olaf Hrastnig: Unser Standort Breuningerland hat sich extrem gut berappelt. Ich habe immer ein bisschen Angst gehabt, ob sich diese Geisterstadt-Situation von vor zwei Jahren überhaupt wieder fängt. Aber in diesem Jahr ist das Breuningerland kaum wiederzuerkennen. Es läuft alles wieder, als ob nie etwas gewesen wäre. Außerdem sind wir nach 20 Jahren weiter in die Center-Mitte umgezogen. Die Lage überrascht uns positiv, wir hatten nicht erwartet, dass das so viel ausmacht.
Der Bereich Reise läuft super. Uns kommt zugute, dass Breuninger das Reisegepäck aufgegeben und im Bereich Handtaschen ein Uptrading durchgeführt hat. Da geht es jetzt erst um die 300 Euro los.
Unsere beiden Geschäfte in Kirchheim tendieren um das Niveau von 2019. Wir spüren eine sehr starke Kundenloyalität. Wir haben das Gefühl, dass die Kunden mehr zum Handel stehen als früher oder bewusster dem Handel gegenüber auftreten.
Was uns natürlich trifft, sind die Lieferprobleme im Reisegepäck. Wir klammern uns an jeden Koffer, den wir irgendwo herbekommen können. Gerade der Bereich Reisegepäck wird entscheidend sein für das nächste halbe Jahr.
„Wir sprechen mit vielen Händlern. Die gute Nachricht ist, dass fast alle wieder bei 2019 angekommen sind.“
Tobias Ockenfels|Geschäftsführer Goldkrone
Genth: Wenn man als Händler auf Farbe, Lust, Mode, Unterhaltung und gute Stimmung setzt und dabei ein faires, vom Kunden nachvollziehbares Preis-Leistungsverhältnis bietet, dann kommt der Umsatz wieder.
Wir haben die Rendite gegenüber 2019 steigern können, weil wir uns aus Preisschlachten raushalten. Das Reisegepäck-Comeback ist bei uns verzerrt, weil wir bis Anfang des Jahres noch Rimowa verkauften, den man nicht so ganz ersetzen kann. Das ist eine Umsatzlücke. Gegenüber 2019 verzeichnen wir ein Minus.
Für meinen Teil kann ich sagen, es geht nicht nur um den Preis, sondern darum, wie eine Marke ihren Wert schützt. Das ist für mich der viel wichtigere Faktor. Daneben ist Vaude für mich ein geniales Beispiel für Vernetzung mit uns Händlern. Über das Outtra-System weiß der Kunde tagesaktuell, was ich im Laden habe, wenn er auf deren Webseite ist (siehe Kasten). Wir bekommen darüber wenig Versandgeschäft, aber wir haben immer Kunden im Geschäft, die uns darauf ansprechen, weil sie die Ware vor dem Kauf anfassen wollen. Die meisten kaufen dann auch.
Tobias Ockenfels: Wir sprechen mit vielen Händlern. Die gute Nachricht ist, dass fast alle wieder bei 2019 angekommen sind. Natürlich gibt es Unterschiede. In ländlichen Regionen ist die Treue und die Bereitschaft der Bevölkerung, im lokalen Geschäft einzukaufen, viel größer. Das Geld ist da, die Leute haben wieder Lust einzukaufen. Online läuft sowieso wie geschnitten Brot.
Dietmar Jost: Wir haben unterschiedliche Standorte: Hier in Hachenburg liegen wir deutlich über 2019. Wir haben unser Sortiment verändert, z.B. Kinderbekleidung dazu genommen, und können junge Familien gut bedienen. Der regionale Handel wird sehr gestützt vom Umfeld.
Der Betrieb in den Hackeschen Höfe in Berlin, der immer unser Flaggschiff war, macht uns Probleme. Bis zum 30.6. waren wir dort noch nicht auf 50% von 2019. Nur rund um die Feiertage oder während der Messe lief es ganz gut. Über alle fünf Verkaufsstellen hinweg, liegen wir daher noch nicht wieder bei 2019.
Reisegepäck hat Gott sei Dank wieder angezogen. Wie Olaf sagt, muss man jetzt dafür sorgen, dass man genug Ware bekommt in den nächsten Wochen, das wird sicherlich ein wichtiger Punkt sein.
Hrastnig: Der Umsatz mit Gepäck erreicht aktuell schon Höhen, in denen es einem schwindelig wird. Die letzten zwei Monate waren wirklich unglaublich, was da an Stückzahlen ging. Selbst die Preissprünge sind unproblematisch. Die Lieferanten hatten ihre Vororder auf hoher Basis geplant. Und wie ich gehört habe, liegt die Nachfrage weit über dem, was sie für dieses Jahr erwartet haben. Wir hatten auch ein volles Lager, und es ging wirklich lange so gut wie kein Koffer, so dass wir nichts nachbestellt hatten.
Wir merken außerdem, dass die Kunden qualitätsorientierter sind als früher und wir uns mit Aktionsware deutlich schwerer tun.
„Das Thema Bike und Commuting hat sich aber auch bei vielen Lederwarenhändlern sehr gut entwickelt. Hier steht und fällt der Umsatz mit der Präsentation.“
Martin Kurz|Verkaufsleiter Vaude Packs 'n Bags
Markus Schelkle: Insgesamt hat sich der Outdoor-Markt einmal mehr als recht krisenresistent erwiesen. Laut den aktuellen Zahlen der European Outdoor Group ist er in Deutschland um 3,9 Prozent in 2021 gewachsen. Die Produktgruppen entwickeln sich extrem unterschiedlich. Der Bereich Backpacks und Luggage im Outdoor-Segment liegt noch 11% unter 2019. Das hat sehr stark mit großen Trekking-Rucksäcken zu tun, weil das Work and Travel-Geschäft noch nicht in dem Maße wie Reisegepäck angesprungen ist. Wir rechnen damit, dass es nächstes Jahr zurückkommt. Multi-Use-Rucksäcke zum Wandern und Radfahren entwickelten sich schon sehr gut.
Vaude ist deutlich besser als der Markt durch die Pandemie gekommen. Wir sind auch 2020 um 8% gewachsen, und letztes Jahr nochmal um 17%. Aktuell liegen wir auch über Vorjahr. Das hat schon sehr klar mit unserer Positionierung zu tun. In Krisenzeiten machen sich sehr viele Menschen Gedanken über ihren Konsum. Und wir sind seit vielen Jahren für nachhaltige Outdoor-Ausrüstung bekannt.
Das Thema Bike hat eine Sonderkonjunktur verzeichnet. Wir sehen aber auch, dass das gerade an seine Grenzen stößt und ein Plateau erreicht.
Martin Kurz: Das Thema Bike und Commuting hat sich aber auch bei vielen Lederwarenhändlern sehr gut entwickelt. Hier steht und fällt der Umsatz mit der Präsentation. Wenn die stimmt, wird der Händler vom Endverbraucher wahrgenommen, und die Ware verkauft sich. Der Fahrradhandel konzentriert sich auf den Hartwarenhandel.
Jost: Wir haben im letzten Jahr eine Kapselkollektion zu diesem Thema gelauncht, weil wir doch eher klassisch unterwegs sind. Aber es ist wirklich außergewöhnlich schön, wie der Handel reagiert und auch wirklich abverkauft hat.
Ockenfels: Der POS muss entsprechend attraktiv gestaltet sein und auch für den Endkunden ein Kauferlebnis bieten. Das ist auch unser Job, dass wir da beratend zur Seite stehen oder Marketing-Aktivitäten z.B. mit Socialpals vereinbaren. Dieses duale Vorgehen am PoS und online ist nicht mehr wegzudenken. Das sieht man auch an den Umsätzen.
Schelkle: Viele Händler haben extrem hohe Orders für Herbst/Winter geschrieben. Wir haben das gedeckelt. Unsere Planung ist deutlich unter dem, was wir als Vororder in den Büchern stehen haben. Das heißt, wir werden viel weniger Nachorder überhaupt bedienen können, weil wir den Markt auf keinen Fall überhitzen möchten. In einzelnen Produktgruppen sehen wir das Risiko einer Blase.
Unsere größten Schwierigkeiten liegen aktuell in der Lieferkette. Wir liefern Herbst/Winter aus. Da gibt es noch große Unsicherheiten. Wir haben in dieser Saison die Waren besser aus den Produktionsstätten gebracht als noch in der letzten Saison, weil es keinen Lockdown in Vietnam gab.
Das größte Thema ist die Unberechenbarkeit der Container-Schifffahrt. Wir rechnen mit einem immer größeren Puffer. Wir haben dieses Jahr im März schon relativ viel für nächstes Jahr im Februar für die Lieferung eingeteilt – also bevor der erste Händler auch nur einen Teil gesehen oder geschweige denn geordert hat.
Ein hohes Maß an Durchläufern ermöglicht uns eine gewisse Planbarkeit. Aber genau das hat bei uns auch dazu geführt, dass wir im April mit Reisegepäck komplett abgebrannt waren, weil wir unser Lager für das erste Halbjahr schon im Lockdown im letzten Jahr eingeteilt hatten. Das geht glaube ich allen Kollegen auf der Industrieseite so. Deshalb kann keine kurzfristige Reaktion stattfinden, wenn die Nachfrage in dem Maße anzieht. Wir rechnen nicht damit, dass sich dieses Jahr die Lage noch komplett normalisiert. Die Lieferketten bleiben extrem wacklig.
Noch als Ausblick: Wir planen auf 2023 hin kein Stückzahlen-Wachstum. Aber wir erhöhen die Preise für F/S 23 um rund 8% auf das gesamte Sortiment. Das heißt, wir planen Umsatzzuwachs, aber dieser resultiert aus den Preiserhöhungen. Wir glauben, dass hochwertig gekauft wird.
Genth: Das interessiert mich gerade sehr, was Sie sagten, Herr Schelkle. Quasi ein Umsatzwachstum kombiniert mit Mengenkonstanz. Für uns gilt, dass wir 2023 auf Basis von 2019 inflationsbereinigt einen gleichbleibenden Umsatz hinkriegen müssen. Das heißt mal hart überschlagen +10% bei gleicher Stückzahl. Das muss für uns alle das Ziel sein, um die gestiegenen Energie- und Einkaufspreise sowie anstehende Lohnerhöhungen auszugleichen.
Schelkle: Uns beschäftigt ebenfalls das Thema Personal. Wir versuchen gerade massiv, in der Logistik und auch teilweise in unserer Manufaktur aufzustocken und treten hier aber in Konkurrenz zur Metallindustrie bei uns am Bodensee. Das Thema Personal wird künftig das drastischste Thema sein, auch im Handel. Alpenstrand in Landshut z.B. ist ein ganz renommiertes, tolles Outdoor-Geschäft, das zur Sport 2000 gehört. Es wird schließen, weil es kein Personal mehr bekommt. Seit langem werden drei Vollzeitkräfte gesucht, und sie kriegen sie einfach nicht.
Das betrachten wir als extrem große Herausforderung, da es uns als Industrie indirekt auch betrifft, wenn niemand im Handel da ist, der die Ware verkaufen kann. Und die Lohnabschluss-Forderungen der IG Metall machen es uns sicher nicht leichter, Personal in den Einzelhandel zu bringen.
„Michael Genth hat ja schon gesagt, wo man hin müsste, nämlich 2019 plus Inflation, weil die Kosten definitiv steigen. Eigentlich müssten wir diese Mehrumsätze machen, oder die Spanne müsste sich erhöhen durch weniger Abschreibungen bzw niedrigere Einkaufspreise. Das ist natürlich Illusion. Aber genau vor diesem Problem stehen wir jetzt.“
Axel Augustin|Geschäftsführer BTE
Augustin: Wir sind jetzt gerade in einer ganz wichtigen Diskussion, der Planung für 2023. Michael Genth hat ja schon gesagt, wo man hin müsste, nämlich 2019 plus Inflation, weil die Kosten definitiv steigen. Eigentlich müssten wir diese Mehrumsätze machen, oder die Spanne müsste sich erhöhen durch weniger Abschreibungen bzw niedrigere Einkaufspreise. Das ist natürlich Illusion. Aber genau vor diesem Problem stehen wir jetzt. Wie muss künftig die Spannenaufteilung sein? Reichen die Preissteigerungen überhaupt? Können wir davon alle perspektivisch die steigenden Kosten decken?
Jost: Wir haben gerade die Verschiffung unserer Nachorder-Standardkollektion abgewickelt. Normalerweise kalkulieren wir 15% Aufschlag auf den EK-Preis für Fracht und Zoll. Das hat immer gepasst. Wir haben nachkalkuliert auf das, was schwimmt – und das ist nicht wenig – dann landen wir im Moment bei 32% reine Fracht- und Zoll-Aufschläge auf dieses Volumen, das für uns einen sehr wichtigen Anteil fürs zweite Halbjahr einnimmt. Diesen Aufschlag können wir gar nicht mehr umlegen, weil wir die Ware schon verkauft haben. Wir werden mit diesen reinen Frachtkosten noch extrem belastet sein die nächste Zeit.
Schelkle: Aber Du musst ja froh sein, wenn Du überhaupt Container auf‘s Schiff bekommst.
„Wir brauchen als Branche ein anderes Verständnis und Knowhow von Digitalisierung. Weil genau diese Digitalisierung uns schlicht und ergreifend arm macht, wenn wir sie nicht beherrschen.“
Michael Genth|Geschäftsführer Leder Spahn, Saarbrücken
Genth: Ich sehe beim Thema Digitalisierung ein Riesenpotential, so dass wir im Hintergrund weniger Mitarbeiter brauchen, um das Gleiche abzuwickeln. Da sollten wir als Verband etwas tun. Wie können wir dafür sorgen, dass unsere Handelskollegen beim Wareneingang, Auszeichnungen und bei vielen anderen Dingen Effizienzen realisieren, um dadurch Mitarbeiterzeit für den Kunden zu bekommen und in kürzerer Zeit die Ware besser abwickeln?
Wir haben im Betrieb angefangen. Es ist schwer, allein bei der DATEV jemanden zu finden, der sich mit Handel auskennt, „Unternehmen online“ einführen kann oder ein anderes Programm der Steuerberater. Da sind Know-how und Praxistipps gefragt.
Ich sehe, dass sich bei Landau die Software weiterentwickelt. Die Software kann mehr im Wareneingang als wir wissen. Die Frage ist: Wie kann ich nutzen, was vorhanden ist? Da sehe ich momentan einen Riesen-Gap und dem müssen wir uns als Händler stellen, obwohl alle Ressourcen zu knapp sind. Wir müssen jetzt anfangen die Effizienz zu heben und immer weiter lernen, auch wenn es eben erstmal weh tut oder nicht so klappt.
Hrastnig: Das Verschlafen im Bereich EDI holt unsere Branche jetzt ein. Wir versuchen seit Jahrzehnten, die Türen zu öffnen und weiterzukommen. Was hatten wir uns schon für Gedanken im BLE gemacht? Die Lieferanten hat es meistens nicht interessiert. Die Branche könnte viel weiter sein, was Effektivität und Schnelligkeit betrifft.
Noch ein – vielleicht etwas böses – Wort zur Kalkulation: Es kam noch keiner auf die Idee, für den Handel mal mehr Spanne herauszuholen. Die Kalkulation bleibt immer eins zu eins. Da wäre es doch mal nicht schlecht, vielleicht mal einen Zehner mehr im VK rauszuholen, den man dann einfach dem Handel zugute kommen lässt.
Ich verstehe die Lieferkettenproblematik, und dass der Lieferant ein großes Risiko trägt, weil er nicht weiß, was ihm von seiner kalkulierten Spanne bleibt. Aber uns geht es genauso.
Klar kommt dann auch wieder die Thematik mit höheren Rabatten im Handel auf. Aber manche Unternehmen zeigen, dass es kreativere Preismodelle gibt als eine Preisliste für alle.
Jost: Wir dürfen natürlich nicht so tun, als wären wir komplett frei vom Markt. Die meisten von uns müssen gucken, was der Markt wirklich noch hergibt für ein Produkt. Originäre Marken wie wir tun sich schon schwer, die Preise um 20 Euro zu heben mit all dem, was sich für ein Druck auf unsere Kunden aufbaut. Natürlich lassen wir die prozentuale Spanne gleich. Am Ende ist aber der absolute Wert in der Kasse beim Händler höher.
Ich schlafe wirklich schlecht, wenn ich sehe, welche Preiserhöhungen wir zum Teil durchführen müssen, im Nichtwissen, was der Markt im Moment wirklich noch nimmt. Wir reden jetzt davon, dass wir 2023 mindestens 10% mehr umsetzen müssen, damit wir überhaupt klar kommen. Aber wir waren jetzt gerade in Berlin auf der Premium. Wenn man mit Verantwortlichen geredet hat, dann war das eigentlich eher ernüchternd. Da sind schon alle im Moment mit sehr viel Skepsis unterwegs, was das nächste Jahr angeht. Ich glaube also nicht, dass es einfach ist, noch einmal 10 Euro extra einzupacken, um eine Spanne zu verbessern.
Schelkle: Da gebe ich Dietmar unbedingt Recht. Wir machen uns extrem viele Gedanken über die Preise, und ich möchte eine Lanze brechen für viele andere. Wir investieren bei Vaude jede Saison wirklich viel Zeit darauf, die Preise so hinzukriegen, dass wir darstellbare UVPs haben und Händler ebenso wie wir ein Auskommen haben. Wir versuchen zu antizipieren, wie viel der Endverbraucher bereit ist für dieses Produkt zu bezahlen.
Den Luxusbereich lasse ich jetzt mal außen vor. Aber wir alle bewegen uns in einem sensiblen Bereich, und wir dürfen es nicht überreizen.
Wir haben einfach verschiedenste Einflüsse, Logistikketten, Krieg, die Dollar-Entwicklung.
Das kommt alles zusammen. Ich glaube, dass wir die letzten Jahre gute Wege gemeinsam gefunden haben, und wir werden es auch jetzt wieder schaffen. Da bin ich optimistisch. Aber wir müssen echt viel bewegen und ja, das Thema EDI beschäftigt uns enorm seit 15 Jahren. Wir sehen auch, dass wir mit einzelnen Händlern extrem erfolgreich sind mit automatisierten Replenishment-Prozessen etc.
Im Sportbereich sind wir an der einen oder anderen Stelle sicher ein ganzes Stück weiter. Verbände wie die Goldkrone können da eine sehr große Rolle spielen als zentrale Datenschnittstelle. Es kann nicht funktionieren, dass jeder Lieferant jeden Händler irgendwie anbindet. Da sind wir in Jahrzehnten nicht fertig, da muss eine Zentralisierung und Standardisierung stattfinden.
Jost: Wir machen das ebenso lange. Aber es gibt sehr viele individuelle Lösungen. Eine Vereinheitlichung wäre mehr als in unserem Sinn ist.
„Ich denke, wir brauchen in unserer Branche eine Art Rückvergütungssystem, weil die jetzigen Spannen uns einfach nicht ausreichen. In den nächsten zwei Jahren sind wir stationär am Limit.“
Olaf Hrastnig|Koffer-Ecke, Ludwigsburg/Kirchheim
Augustin: Wir sind als BTE auch Betreiber des Clearing Centers. Da sind ja nicht viele Lederwarenhändler dabei, aber zumindest ist der Anteil an Modehäusern, die auch Lederwaren führen, nach wie vor am wachsen.
Ich möchte aber nochmal auf den Punkt davor zurückkommen. Wir sind in einem Dilemma: Müssen wir höhere Preise nehmen? Ja definitiv, obwohl die Kunden nächstes Jahr aufgrund aller möglicher Kostensteigerungen weniger Geld in der Tasche haben. Gleichzeitig ist auch der Handel in der Situation, dass er wahrscheinlich deutlich höhere Kosten hat.
Die Mitarbeiter werden teurer werden, das merken viele noch gar nicht, weil sie jetzt noch passende Tarifverträge haben. Das Problem entsteht immer dann, wenn jemand ausscheidet und jemand neues gesucht wird. In der Großstadt hört man von Preisen, da wird einem schwindelig. Wir haben einen war for talents.
Wir müssen aus dem Teufelskreis raus. Ich sehe daher keine andere Möglichkeit, außer über Geld oder durch Technisierung, die ja auch erstmal Geld kostet. Vielleicht müssen wir dann doch den Schritt machen, die Preise noch einen Tick mehr anzuheben. Der gesamte Fashion-Bereich hatte früher einen höheren Anteil an den Ausgaben als jetzt. Vielleicht müssen wir versuchen, diesen Anteil wieder zu erhöhen durch die Attraktivität der Produkte. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Wir haben nur negative Optionen im Moment, das ist das Problem.
Genth: Ich sehe, dass wir auch viele positive Optionen haben außer denen, die Du gerade erwähnt hast, Axel. Wir müssen zum Beispiel für Preiswürdigkeit sorgen. Der Kunde muss sehen, dass das, was er kauft, sein Geld wert ist.
Ich sehe uns in der Pflicht als Unternehmer, als Handel und als gesamte Branche unsere Ineffizienzen zu beseitigen. Denn eines muss uns klar sein: Die, die uns da gerade wirtschaftlich angreifen, haben ihre Hausaufgaben gemacht und sind im kompletten Abwicklungsbereich viel schlanker als wir.
Wir können nicht mehr mit Ressourcenverschwendung, insbesondere der Mitarbeiter, so weitermachen. Hier kämpft jeder von uns momentan viel zu sehr alleine. Wir brauchen als Branche ein anderes Verständnis und Knowhow von Digitalisierung. Weil genau diese Digitalisierung uns schlicht und ergreifend arm macht, wenn wir sie nicht beherrschen.
Hrastnig: Das war natürlich vorher von mir schon ein bisschen provokativ. Aber ich glaube, dass wir zusammen einen vernünftigen Weg der Refinanzierung finden müssen. Das kann auch eine Rückvergütung sein, ein Bonus. Ich denke, wir brauchen in unserer Branche eine Art Rückvergütungssystem, weil die jetzigen Spannen uns einfach nicht ausreichen. In den nächsten zwei Jahren sind wir stationär am Limit. Wir müssen einen Weg finden – vielleicht eine stationäre Umlage oder eine stationäre Unterstützung.
Augustin: Darf ich mal ein bisschen ketzerisch fragen: Ich habe mir früher immer den Spaß in meiner Erfa-Gruppe gemacht und die Teilnehmer eine Ware, die sie nicht kannten, schätzen lassen. Wie hoch liegt der EK und was ist der VK? Sie glauben ja gar nicht, wie groß die Unterschiede waren. Aber wenn ein Händler schon nicht den Wert einer Ware bemessen kann, kann der Kunde das erst recht nicht.
Für mich ist die Marketing- und Kommunikationsleistung daher entscheidend, um den Wert einer Ware zu kommunizieren, die der Kunde bereit ist zu bezahlen. Ich wehre mich dagegen, jetzt zu sagen, wir können keine Ware um 10% oder 10 Euro erhöhen, weil wir die Kommunikation nicht schaffen, diesen Mehrwert gegenüber dem Kunden zu kommunizieren, das kann ich nicht glauben.
Ockenfels: Da unterstützen wir den Handel auch. Wir bieten Schulungen zur Verkaufspsychologie an. Die Mitarbeitenden sollen nicht zurückschrecken vor dem Vorwurf eines Endkunden, der Preise als unverschämt bezeichnet. Hier geht es darum, den Wert der Ware diplomatisch zu erklären. Wenn eine Aushilfe einen 600 Euro-Koffer verkaufen soll, ist das viel mehr als sie verdient. Sie schreckt daher zurück. Dabei müsste sie zusätzlich zu diesem 600 Euro-Koffer auch noch die Kosmetiktasche oder den Rucksack dazu anbieten.
Die Mitarbeitenden am POS müssen daher geschult sein, dass sie die Preiserhöhungen plausibel den Endkunden vermitteln können. Diese Schulungen werden gut angenommen.
Jost: Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren noch stärker einen Konsumentenmarkt haben werden. Damit ist eigentlich alles gesagt. Wir werden alle unsere Hausaufgaben machen müssen, um Kosten zu sparen und kosteneffizient zu sein. Die Transparenz der Märkte führt dazu, dass alle massiv unter Druck geraten. Die Preissensibilität wird extrem hoch sein.
Wo soll ich denn noch einen Bonus hernehmen, wenn ich froh bin, wenn wir das Jahr hoffentlich ohne große Verluste beschließen? Ich gehe nicht davon aus, dass wir 2023 irgendwelche Überbrückungshilfe bekommen.
Die letzten zwei Jahren haben uns alle gebeutelt. Es gibt nur wenige Ausnahmen wie ihr bei Vaude, Markus. Aber wie viele Industrieunternehmen haben genauso wie der Handel auch mit 30 bis 40% Umsatzeinbußen zu kämpfen, die erstmal kompensiert werden müssen?
Augustin: Meiner Meinung nach gibt es „den Markt“ gar nicht. Es gibt Teilmärkte. Primark oder Lebensmitteldiscounter, die gibt es und wird es immer geben. Sie sind viel billiger als der Fachhandel, das wird sich womöglich auch noch weiter auseinander entwickeln. Nur ist das nicht der Markt, auf den der Fachhandel setzen kann und darf.
Wir haben nur einen gewissen Anteil am Gesamtmarkt. Das sind die etwas besser situierten Kunden, und von ihnen gibt es wirklich immer noch relativ viele in Deutschland. Es gibt über 1,6 Millionen Vermögensmillionäre, also Leute, die eine Million anlegen können, das ist ja schon mal eine gewisse Nummer. Wir haben perspektivisch einen stabilen Fachhandelsmarkt.
Natürlich müssen wir auf Eckpreislagen achten, klar. Aber ich bin jetzt 30 Jahre in der Branche, ich weiß nicht, wie oft wir Eckpreislagen übersprungen haben, die vorher als unantastbar galten. Wir müssen einfach ein bisschen breitbeinig auftreten.
Ockenfels: Ich pflichte Herrn Augustin bei, dass wir zu Preiserhöhungen einfach stehen müssen und wissen, wie man diese den Endkunden plausibel vermittelt. Ich glaube wirklich, da müssen wir keine großen Bedenken haben.
„Wenn man den Handel insgesamt sieht, sind sehr viele Händler eben auch superskeptisch, was diese Preiserhöhung jetzt angeht. Viele haben Angst, Umsätze zu verlieren, wenn die Preise so massiv ansteigen.“
Dietmar Jost|Geschäftsführer Jost Bags
Hrastnig: Es geht momentan nicht anders, als Preise neu zu definieren. Wenn wir weggehen vom Massenmarkt zu einem bewussteren Konsum und einer umweltfreundlichen Gesamterscheinung, dann stehen weniger Stückzahlen im Vordergrund. Aber dann muss der Preis hochgehen. Entsprechend glaube ich, dass die Konsumenten Verständnis dafür haben, dass sich das eine oder andere verändert, so wie man es bei Schulranzen gesehen hat.
Wer hätte einmal gedacht, dass die 199 Euro, die lange bei Schulranzen-Sets gesetzt waren, jetzt bei 299 Euro angekommen sind. Es ist unglaublich, aber es ist einfach so.
Wir sind in unserem Segment Luxus. Wir spielen Preislagen am oberen Limit. Die wirklich nochmal zu verschieben, um da auch etwas mehr Luft zu erzeugen, diese Chance müssen wir in den nächsten zwei Jahren nutzen. Ansonsten wird es schwierig werden.
Jost: Ich möchte nicht als der Ewiggestrige dastehen mit meiner Angst vor Preiserhöhungen. Olaf und Michael, Ihr repräsentiert nicht die gesamte Branche. Wenn man den Handel insgesamt sieht, sind sehr viele Händler eben auch superskeptisch, was diese Preiserhöhung jetzt angeht. Viele haben Angst, Umsätze zu verlieren, wenn die Preise so massiv ansteigen.
Ich bin mit so vielen Händlern in Kontakt. Das ist genau unser Ding, das wir immer sehr mit dem Handel in Verbindung stehen, dass wir solche Entscheidungen in der Regel auch mit den wichtigsten Handelspartnern abwägen.
Ich hol mir da sehr viele Rückmeldungen ein, Und dann hörst du schon auch kritische Stimmen, wenn man eine Tasche von 149 auf 179 Euro anheben muss oder man geht dann über die ganz kritischen Grenzen von 199 auf 229 oder 239 Euro. Da schlucken viele im Handel erst einmal.
Vielleicht würde der Endverbraucher die Schwelle sogar einfacher nehmen als der Händler. Jost hat immer auf den Fachhandel gesetzt, und wir sind in enger Abstimmung mit dem Fachhandel. Gerade deshalb bin ich persönlich auch so sensibel, was im Moment die ganze Entwicklung angeht.
Schelkle: Um weitere Preiserhöhungen werden wir gar umhin kommen. Aber für uns ist es schon manchmal auch ein Thema, wenn wir über gewisse Preisschwellen gehen, dass die Händler dann sagen, jetzt kauf ich es nicht mehr. Wir müssen also gemeinsam daran und sagen ,ja, dieser Rucksack kostet 130 Euro, auch wenn er vor drei Jahren noch 100 Euro gekostet hat. Aber wir haben diese Verbesserungen und diese Serviceleistung drumherum …‘
Ich sehe nach wie vor mehr Chancen und das Thema Effizienzsteigerung an vielen Stellen. Auch über Reparaturen kann man nachdenken. Das entspricht dem Zeitgeist ebenso wie das Thema Vermietung. Wir müssen uns Flexibilität bewahren. Ich sehe auch viele Menschen, die immer noch ein gutes Einkommen haben und die müssen wir on- und offline bedienen.
Wir haben eben erst die Vertriebsstrategie bei Vaude bis 2026 verabschiedet. Da steht weiterhin ganz klar, dass der Fachhandel unser Partner ist. Also müssen wir da auch viel dafür tun. Und wenn von der anderen Seite auch eine Bereitschaft da ist, dann haben viele Marken und Händler eine Zukunft.
Augustin: Der Handel hat auch Angst vor Preiserhöhungen. Das wäre auch schlimm, wenn er diese nicht hätte, weil er seine Kunden kennt, aber es gibt leider keinen Ausweg. Das ist das Problem. Jedem Händler, der sich gegen Preiserhöhungen stellt, würde ich raten, eine Kostenplanung für 2023 aufzustellen? Wer das nicht macht, kann eigentlich gar nicht mitreden. Und ich glaube, das sind viele, die dies nicht machen. Gerade im kleineren Handel würden viele überrascht sein, wenn sie mit den Kosten nicht mehr hinkommen. Im Eigentum hat man vielleicht noch Luft, aber wenn ich nicht durch Selbstausbeutung einen Laden betreibe, sondern Mitarbeiter bezahlen muss, dann hab ich irgendwann keine Luft mehr.
Jost: Das ist richtig, aber wenn wir nur die rationale Ebene hätten, dann wäre das ja alles leicht.
„Für uns ist es schon manchmal auch ein Thema, wenn wir über gewisse Preisschwellen gehen, dass die Händler dann sagen, jetzt kauf ich es nicht mehr.“
Markus Schelkle|Vertriebsleiter Outdoor Sports Vaude