„Als britischer Hersteller mit starker Exportorientierung müssen wir uns natürlich intensiv mit den Folgen dieser Entscheidung beschäftigen“, erklärte Lür Holler, Sales Manager DACH bei Clarks gegenüber schuhkurier. Allerdings werde das Unternehmen nicht unmittelbar reagieren. Perspektivisch werde Clarks den Aufbau eines neuen Logistikzentrums innerhalb der EU prüfen. Auch müsse analysiert werden, in welcher Währung künftig fakturiert werde.
Für den HDS/L äußert sich Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert gegenüber schuhkurier zur Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen: „Natürlich gehen wir davon aus, dass der Brexit Auswirkungen haben wird. Großbritannien ist für die deutschen Schuhhersteller ein wichtiger Markt. Viele namhafte Marken haben sich in den letzten Jahren dort sehr gut etabliert“, so Junkert.
Man werde nun die Austrittsverhandlungen intensiv beobachten. „Diese Verhandlungen werden sich allerdings über einen längeren Zeitraum hinziehen, deshalb ist es schierig zum jetzigen Zeitpunkt Prognosen abzugeben. Der HDS/L wird da, wo es möglich ist, entsprechend reagieren“, so Junkert weiter.
Tim Little, Inhaber der Schuhmarke Grenson, erklärte gegenüber dem britischen Branchendienst Drapers: „Noch kann niemand die Folgen dieser Entscheidung absehen. Es wird aber zu Unsicherheit führen und die ist generell schlecht für das Geschäft. Ich hoffe daher, dass die Phase der Unsicherheit bald beendet ist.“
Carl-August Seibel vom gleichnamigen Hauensteiner Unternehmen will zunächst die Entwicklungen abwarten: „Bis nach diesem knappen Votum wirklich politische Entscheidungen fallen, die dann auch so umgesetzt werden, gehen noch Jahre ins Land. Ich denke, man wird in der EU und in Großbritannien, trotz markiger Worte im Vorfeld, einen Modus finden, der für beiden Seiten keine bleibenden Schäden mit sich bringt.“ Für die Seibel-Gruppe ist Großbritannien ein Kernmarkt: „Wir sind dort seit Jahren mit einer eigenen Vertriebsgesellschaft vertreten. Das wird uns natürlich helfen, wenn Großbritannien ganz ausscheidet. Wir können vieles vor Ort managen, haben eine Geschäftsführung und ein Team im Land, die die anstehenden Aufgaben angehen werden. Vermutlich gibt es mehr Aufwand, allerdings sehen wir uns gut dafür aufgestellt“, so der Unternehmer auf Anfrage. „Wir sehen durch die Entscheidung unser Business zumindest momentan als nicht gefährdet.“
Der Rosenheimer Schuhhersteller Gabor erklärt: „Großbritannien zählt für Gabor zu den wichtigsten Exportmärkten. Im Moment ist es noch zu früh, konkrete Prognosen abzugeben. Es wird viel davon abhängen, wie sich in den nächsten Wochen und Monaten die Wechselkurse der Währungen Euro und britisches Pfund entwickeln werden und welche möglichen Handelshemmnisse den Export zukünftig erschweren könnten.“
Als international agierendes Unternehmen blickt man bei Melvin&Hamilton besorgt auf die Entwicklungen. In wirtschaftlicher Hinsicht erwartet Geschäftsführer Karim Choukair zunächst keine Veränderungen: „Der Export wird nicht darunter leiden. Dafür wird Frau Merkel schon sorgen. Einige administrative Veränderungen werden wir bei der Abwicklung wohl in Kauf nehmen müssen. Wir erwarten hier jedoch keine besonderen Einschränkungen.“ Gleichwohl sieht der Unternehmer Konsequenzen in anderen Bereichen: „Ich bin mir fast sicher, dass der Konsum in England zumindest in der nächsten Zeit rückläufig sein wird. Viele Europäer, die über diesen Volksentscheid verärgert sind, werden ihre London-Reise wohl aufschieben.“
HDE: „Vertrauensverlust in Idee des Binnenmarktes“
Was der Brexit für den Einzelhandel allgemein bedeutet, erklärt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser: „Der Brexit zieht einen Vertrauensverlust in die Idee des gemeinsamen Binnenmarktes nach sich.“ Er erwarte ein Klima der Unsicherheit verbunden mit mehr Bürokratie. Sanktjohanser rechnet damit, dass sich die Rahmenbedingungen für die Aktivitäten deutscher Einzelhändler in Großbritannien verschlechtern werden, zum Beispiel durch die Wiedereinführung von Zöllen oder Wechselkursschwankungen. „Mit dem Austritt Großbritanniens verliert die EU auch einen bedeutenden Mitstreiter für die konsequente Umsetzung der EU-Verträge“, so der HDE-Präsident. Durch die Verschiebung des politischen Gleichgewichts in Richtung Süd- und Osteuropa steige nun die Gefahr weiterer Handelsbarrieren in diesen Ländern.
„Wir respektieren die Entscheidung der britischen Bevölkerung, die EU zu verlassen. Welche Beziehung künftig zwischen der EU und Großbritannien bestehen wird, bleibt abzuwarten“, erklärt Delphine Mousseau, VP Markets bei Zalando. Das Onlineunternehmen sehe sich jedoch grundsätzlich als europäisches Unternehmen. „Mit Beschäftigten aus 110 Nationen sind wir ein wahrhaft internationales Team. Sprachliche und kulturelle Unterschiede sehen wir als Bereicherung unserer Unternehmenskultur“, so Mousseau weiter. Darüber hinaus habe der gemeinsame Binnenmarkt der EU wesentlich zum Erfolg von Zalando beigetragen.
Tom van Geemen, ANWR-Aufsichtsratsmitglied und internationaler Schuhhändler mit Sitz in den Niederlanden, sieht vorerst keine gravierenden Änderungen: „Wenn man die Berichterstattung liest, heißt es, dass es noch zwei bis drei Jahren dauern wird, bis Folgen erkennbar sind. Es gibt also viele Annahmen, aber keine harten Fakten. Für uns als Händler international heißt es nun, dass wir die Wechselkurse verfolgen müssen und dann, wenn notwendig, die Preise angepasst werden müssen.“ Im Alltagsgeschäft werde sich zunächst wenig ändern. Auch bei Zollvorschriften erwartet van Geemen zunächst wenig Neues. „Es wird nicht so sein, dass es morgen auf eine Schlag wieder neue Formulare geben wird. Der freie Handel wird bleiben.“ Wichtig sei ihm vor allem das Konsumentenvertrauen: „Da jetzt abgestimmt ist, wird es klar, dass die kritischen Stimmen gehört wurden. Das ist vielleicht nicht negativ für das Konsumentenvertrauen.“ Probleme sieht der Händler, der auch in Großbritannien aktiv ist, vor allem innenpolitisch mit Blick auf Schottland und Nordirland. Hier seien Auswirkungen auf das Konsumentenvertrauen zu befürchten.
Der ANWR-Vorstandsvorsitzende Günter Althaus nimmt gegenüber schuhkurier ebenfalls zum Thema Stellung: „Der Brexit hat zahlreiche Facetten. Die symbolische Bedeutung liegt in der Zustandsbeschreibung der EU, denn eine Europäische Union, aus der eine der großen Mächte Europas aussteigt, ist dringend reformbedürftig. Zudem sind die wirtschaftspolitischen Auswirkungen bedeutend: Je länger die Austrittsverhandlungen dauern, desto größer wird der Schaden für alle Beteiligten. Denn nichts hassen Kapitalmärkte und auch Investoren mehr als Unsicherheit. Bedeutsam ist sicherlich auch die langfristig politische Tragweite, denn geht GB aus der Trennung gestärkt hervor, wird die EU in sich zusammenfallen. Ist das Gegenteil der Fall, wird GB auch ohne Mitgliedschaft in der EU zum größten Sorgenfall in Europa.“
AVE: „Für den Außenhandel eine Katastrophe"
Der Hauptgeschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels e.V. (AVE), Jens Nagel, kommentiert: „Für den deutsch-britischen Außenhandel ist die Entscheidung eine Katastrophe. Der folgende mindestens zweijährige Abnabelungsprozess wird nicht kurz und schmerzlos vonstattengehen. Bereits die Neuverhandlung von Handelsabkommen wird schwierig und teuer für alle Parteien werden und ist mit einem hohen Aufwand verbunden, bei dem alle verlieren. Da die Loslösung ein bürokratischer Prozess ist, werden die wahren Effekte nicht sofort, sondern erst mittelfristig zu spüren sein.“
Laut AVE drohen neue technische Handelshemmnisse, unterschiedliche Normen und Standards und eventuell sogar neue Zölle. „Auch die Vorschriften zum Umwelt- und Verbraucherschutz werden perspektivisch immer weiter auseinanderdriften, mit der Folge, dass neue, aufwendige Prüfpflichten auch auf deutsche Unternehmen zukommen, die Geschäfte mit Großbritannien machen“, so Nagel.
Diese Umfrage wird online laufend aktualisiert. Weitere Informationen lesen Sie in schuhkurier Ausgabe 26, die am 1. Juli erscheint.