Glück auf im Ruhrgebiet?
Zu Besuch in deutschen Großstädten
- 10.11.2023
- Lisa Dartmann
- 5 Minuten
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Headerfoto: Die gut besuchte Bahnhofstraße in Gelsenkirchen bietet eine große Vielfalt an. (Foto: Redaktion)
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Die beste Currywurst soll es angeblich im Ruhrgebiet geben. Darauf schwören Kumpel, Kreative und Herbert Grönemeyer. Statt rauchender Schlote gibt es im Revier inzwischen grüne Parklandschaften. In der Metropolregion Ruhr leben rund 5,1 Mio. Menschen auf 4.400 qm in einem der am dichtesten besiedelten Ballungsräume. Sie alle brauchen Schuhe. In den Fußgängerzonen gibt es vor allem Filialisten – allen voran Deichmann – und Shops mit preiswerter Ware. Den inhabergeführten Schuh- und Modefachhandel muss man suchen. Henrik Dismer, Geschäftsführer Schuhhaus Dismer mit Hauptsitz in Dinslaken und Filialen in Duisburg, Essen, Wesel, Moers und Bocholt, sagt: „Das ist ein schwieriges Thema. Generell schwindet im Ruhrgebiet die Kaufkraft, die Mittelschicht geht teilweise verloren oder wandert in andere Standorte ab. Und preislich spielt sich fast alles im unteren Bereich ab“. Es gebe viele problembehaftete Städte mit hoher Arbeitslosigkeit, erzählen Einzelhändler. Viele seien froh, dass sie ihr Geschäft in gut funktionierenden Vororten haben anstatt in der Innenstadt.
Daniel Hartmann, Geschäftsführer von Ruhr Real, die im Ruhrgebiet u.a. im Bereich Lagerlogistik und Fachmärkte aktiv sind, sagt: „Generell schätzen wir die Situation im innerstädtischen Einzelhandel in allen relevanten Ruhrgebietsstädten als sehr schwierig ein. Die Nachfrage ist rückläufig und die Marken sind nicht groß expansiv unterwegs“. Innerhalb der Einkaufsstraßen gebe es viele Leerstände. Das Bild sei geprägt durch 1-Euro-Läden, Imbissbuden und preisaggressive Konzepte. Es gebe aber auch positive Aspekte. Daniel Hartmann betont: „Was den Mainstream-Einzelhandel anbelangt, ist das Ruhrgebiet im innerstädtischen und vor allem im Shoppingcenter-Bereich gut aufgestellt.“ Die wirtschaftliche Lage sei im Ruhrgebiet besser als ihr Ruf. Fachmarktflächen seien weiter sehr stark gefragt. Außerdem sei das Ruhrgebiet ein interessanter Wohnstandort zu attraktiven Miet- und Kaufpreisen. Allerdings habe die Shoppingcenter-Dichte den innerstädtischen Einzelhandel in den letzten Jahren sukzessive kaputt gemacht.
„Die Situation im Einzelhandel im Ruhr- gebiet schätzen wir als sehr schwierig ein."
Daniel Hartmann|Geschäftsführer von Ruhr Real
Eine entsprechende Studie der Industrieund Handelskammer Ruhr für 2022 stellt eine vorsichtig positive Prognose: „Erste Erfolge sind immerhin sichtbar. So ist die Anmietung von Leerständen beispielsweise in Bochum und Recklinghausen, Essen, Castrop-Rauxel, Datteln, Dorsten, Herten, Bottrop und Hamm in einigen Fällen bereits gelungen. In einigen Städten wurden Machbarkeitsstudien für Groß- immobilien oder ganze Quartiere durchgeführt.“ An städtebaulich attraktiven Orten würden Außengastronomie und Kulturangebote aufgegebene Ladenlokale des Einzelhandels ersetzen.
Die ca. 370.000 Einwohner beherbergende Ruhrgebietsstadt Bochum scheint einiges richtig zu machen. Derzeit wird kräftig gebaut. Eines der Leuchtturmprojekte in der Innenstadt ist das Husemann Karree mit 63.000 qm Bruttogrundfläche. Das dreiteilige Gebäudeensemble – vor wenigen Wochen hat das Geschäfts- und Einzelhandelsquartier in Teilen eröffnet, liegt am Husemannplatz, der zum neuen zentralen Platz der Innenstadt entwickelt wird. „Im Kern des neu gestalteten Platzes liegt eine einladende Architektur mit Öffnung zur Stadt“, erklärt Jürgen Knoth, Innenstadtmanager bei der Bochum Wirtschaftsentwicklung. Wesentliche Elemente sind die sogenannte „Green Cloud“, ein begrünter Pavillon inklusive Café und Spielplatz sowie die „Blue Cloud“, in der interaktive Projektoren farbige Lichtbilder auf der Wasserfläche und Nebelwänden erzeugen. Im fast 100 Jahre alten Backsteinbau gegenüber dem Rathaus entsteht bis zum Jahr 2026 das Haus des Wissens. Hier finden die Stadtbibliothek, die Volkshochschule und die Angebote des Hochschulzusammenschlusses Univercity ein neues Zuhause. Die Markthalle im alten Innenhof soll Menschen mit einem regionalen Warenund Gastronomieangebot in die Innenstadt ziehen. Bochum habe durch das engagierte Handeln von der Wirtschaftsentwicklung im Zusammenspiel mit der Stadt und dem Facheinzelhandel eine eigenständige Position erlangt. „Wir liegen im Herzen des Ruhrgebietes, das sich wandelt – auch mit Blick auf die Quartiersentwicklung in den Innenstädten“, betont Knoth. Bochum habe es durch die Zusammenarbeit auf allen Ebenen früh verstanden, die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu verbessern und Vielfalt zu schaffen mit einem Mix von Einzelhandel, Wohnen und Unterhaltung. In der Tat ist hier die Einzelhandelswelt noch einigermaßen intakt. Mit seinem Branchenmix ist Bochum ein spannender Standort. Große Filialisten sind weniger vertreten. Die haben ihr Domizil vor allem in dem Einkaufszentrum Ruhrpark vor den Toren von Bochum. „Die direkten Auswirkungen durch Corona habe der Einzelhandel gespürt“, erzählt Knoth. „Aber trotzdem verzeichnet Bochum mit 6% Leerstandsquote weniger nicht vermietete Ladenlokale als vor der Pandemie“. Frank Beckmann führt das Schuhhaus Lötte gegenüber dem Modehaus Baltz in vierter Generation. Beckmann gehört mit 19 Einzelhändlern zu dem Zusammenschluss „Bochumer Originale“, die kräftig für die Innenstadt trommeln. „Wir möchten zeigen, wer wir sind und was hier passiert, nicht nur in den Haupteinkaufsstraßen, sondern auch in den kleinen Seitenstraßen“, sagt Beckmann. Rund 40.000 Adressen stehen in seiner Kundendatei, die meisten sind Stammkunden. „Wir kennen sie und wissen, wie sie ticken. So kriegen wir das gut hin“, erzählt Beckmann. Trotzdem sei es früher einmal besser gewesen, denn vor zehn Jahren war Bochum mal Schuh-City. Jetzt habe das Familienschuhhaus eine Alleinstellung. Generell sei das Angebot im Ruhrgebiet überschaubar.
„Wir haben unser Sortiment auf die Bedürfnisse der Kunden in Duisburg angepasst."
Henrik Dismer|Geschäftsführer Schuhhaus Dismer
In Essen gab es in letzter Zeit viel Fluktuation bei den Mietern. Dieses Objekt in der Limbecker Straße steht noch leer. (Foto: Redaktion)
Auch Essen, mit ca. 590.000 Einwohnern nach Dortmund die zweitgrößte Stadt im Ruhrgebiet, hat schon bessere Zeiten erlebt und ist vom Leerstand nicht verschont geblieben. Schmuckstück ist das Einkaufszentrum Limbecker Platz mit 70.000 qm Verkaufsfläche und mehr als 200 Shops. Von hier aus geht es auf die Limbecker Straße, die in den letzten Jahren eine hohe Fluktuation erlebt hat. Der Weggang der Schuhhäuser Böhmer und Görtz hat Lücken aufgerissen. Anstelle der Fachgeschäfte sind ein Modeoutlet und ein Store mit preiswerter Damenmode eingezogen. Alleiniger Platzhirsch ist nun das Schuhhaus Grüterich schräg gegenüber. Die Schließung von Galeria Kaufhof am Willy-Brandt-Platz soll der für Mitte 2024 am gleichen Standort geplante Königshof kompensieren. Im Unter- und Erdgeschoss des sechsgeschossigen Gebäudes sind Handelsflächen geplant. Das Schuhhaus Dismer hat sein Stammgeschäft im Stadtteil Holsterhausen. „Das ist unsere Keimzelle und der Standort funktioniert gut als Nahversorger für Damen und Herren. Wir führen das Geschäft aus Nostalgie“, sagt Unternehmer Henrik Dismer. Bis 2019 war das Schuhhaus noch in der Innenstadt mit einem Rieker-Monolabel-Store vertreten.
Leerstand in Gelsenkirchen: Primark hat den Standort verlassen. Bisher gibt es keinen Nachmieter. (Foto: Redaktion)
Gelsenkirchen ist die nächste Station der Tour de Ruhr. Ca. 270.000 Einwohner zählt die Stadt. Vom Bahnhofcenter aus geht es die Bahnhofstraße entlang. Diese Meile ist gut frequentiert: viele Frauen, junge Männer mit gegeltem Haar, Rentner und Rentnerinnen und junge Familien. Menschenschlangen bilden sich vor den zahlreichen Imbissstuben mit Currywurst, Döner und Baklava. Der Weg führt vorbei an Mr. Chicken, Lecker Lecker, Fielmann, JD Sports, Snipes, Vodafone, Woolworth, H&M, TK Maxx und Drogeriemarkt Müller. Das ehemalige Geschäftshaus von Galeria Kaufhof mit der langen Front steht leer. Auch Primark schräg gegenüber ist ausgezogen. Das ehemalige Reno-Schuhhaus ist ebenfalls verwaist. Pepco Store, ein polnisches Konzept mit günstiger Mode für die ganze Familie, soll hier einziehen. Deichmann ist in Gelsenkirchen gleich dreimal vertreten. Am Ende der Meile gibt es das Stöberstübchen und Orthopädieschuhtechnik Ludger Schoof sowie einen Fanartikelshop des FC Schalke 04.
Weiter geht es nach Herne, bekannt durch die Cranger Kirmes, dem größten Volksfest in NRW. Die Haupteinkaufsmeile der ca. 160.000 Einwohner zählenden Stadt ist die Bahnhofsstraße, die laut Stadtverwaltung vor etwa zehn Jahren zu einem Boulevard umgebaut wurde. Da Herne im Zweiten Weltkrieg weniger zerstört wurde als andere Städte der Region, gibt es im Zentrum immer noch viele prächtige Gebäude aus den 1920er-Jahren, etwa das imposante Rathaus. Früher war Herne dank der Zechen eine der reichsten Städte im Ruhrgebiet. Die Bahnhofsstraße ist gut einen Kilometer lang, mehr als 100 Geschäfte und Restaurants sind hier angesiedelt. Der Weg durch die breite Fußgängerzone führt an Only, Douglas, C&A, Jeans Fritz, NKD, Tedi und Deichmann vorbei. Am Ende der Bahnhofstraße liegen die „Neuen Höfe“. Hier wurde ein altes Warenhaus aus den 60er-Jahren revitalisiert und zu einem multifunktionalen Gebäudekomplex mit Gastronomie, Fitness und Geschäften umgewandelt. Auch in Herne sah es mal besser aus. „Früher war in der Stadt noch was los, aber heute ist die Innenstadt tot“, beschreibt Stephanie Brinker, Schuhhaus Brinker in Herne-Bickern, das Stadtbild. Das Schuhhaus für die ganze Familie, das sie gemeinsam mit ihren Eltern führt, befindet sich in einem Wohngebiet außerhalb der City. Bis Gelsenkirchen sind es nur ein paar Minuten. „Wir sind schon seit 100 Jahren hier ansässig und unsere Vorfahren waren Schuhmacher. Bei uns tätigen die Kunden gezielte Einkäufe, wenn sie was benötigen. Laufkundschaft gibt es hier kaum. 40% unserer Kundschaft kommt aus Gelsenkirchen“, sagt die Einzelhändlerin.
Der Strukturwandel im Einzelhandel und vor allem das Einkaufszentrum Centro haben der Stadt Oberhausen mit ca. 210.000 Einwohnern schwer zu schaffen gemacht. Seit das Centro 1996 mit über 250 Einzelhandelsgeschäften auf 120.000 qm eröffnet wurde, ist die Anzahl an Geschäften in der alten Mitte drastisch zurückgegangen. Das Besondere an Oberhausen ist, dass die Stadt drei getrennte Stadtkerne hat, die unterschiedlich gut funktionieren. Die Marktstraße ist mit 1.400 m die längste Einkaufsstraße. Hoffnungsschimmer ist der geplante Umbau, für den die Stadt noch in diesem Jahr Fördergelder beantragen will, berichtete Radio Oberhausen kürzlich. Das Konzept sieht vor, die Marktstraße in drei Bereiche aufzuteilen: im oberen Teil mit Wohnungen und Grünanlagen und im unteren Bereich mit Restaurants, Cafés und Freizeitangeboten. Der rund 450 m lange mittlere Abschnitt soll das Angebot an Geschäften verdichten. Über die geplante Belebung wird sich sicherlich auch das Schuhhaus Kahl freuen, das sein Domizil seit 1996 gleich um die Ecke in der Gewerkschaftsstraße hat. Die
Marktstraße sei geprägt von preisagressiven Läden und einem einseitigen Angebot. Die beiden Orthopädie-Schuhmacher, der Inhaber Friedhelm Kahl und sein Sohn Daniel Kahl bieten Orthopädie und Schuhreparatur an – und das mit großer Begeisterung für das Handwerk. Bis vor kurzem führte das Geschäft auch hochwertige rahmengenähte Schuhe von Marken wie Dinkelacker oder Allen-Edmonds. „Dieses Segment lassen wir auslaufen“, erklärt Friedhelm Kahl, „denn diese Kundschaft geht in Rente und es kommen keine jungen Kunden nach.“ Am 1. Februar 2022 hat Friedhelm Kahl das Schuhhaus Bauer in der Rolandstraße übernommen, etwa 500 m vom Orthopädiegeschäft entfernt. Das Geschäft ist mit über 14 Marken wie Finn Comfort, Ganter, Solidus, Rieker, Waldläufer, Fidelio oder Berkemann spezialisiert auf Komfortschuhe. Die Eigentümer haben aus Altersgründen aufgehört. Da hat Friedhelm Kahl zugegriffen. Für das Familienunternehmen war das ein mutiger Schritt. „Wir sind hier das einzige Schuhfachgeschäft“, sagt Friedhelm Kahl mit Stolz und ergänzt: „Wir halten tapfer durch. So ein Fachgeschäft funktioniert nur mit vernünftiger Ware, guter Beratung und Freundlichkeit“. Die alteingesessenen Stammkunden kennen und schätzen das traditionelle Schuhhaus.
Letzte Station ist Duisburg, die Stadt des Stahls. Traditionsunternehmen wie die Thyssen Krupp Stahl AG oder die Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH haben das Gesicht der ca. 500.000 Einwohner starken Stadt geprägt. Was für das ca. 30 km entfernte Düsseldorf die Königsallee ist, ist für Duisburg die 600 m lange Königstraße. Deren Herzstück ist das Shoppingcenter „Forum“ mit rund 700 Geschäften. Der Einzelhandel in Duisburg spielt sich größtenteils in der Königstraße rund um das Forum ab. In Richtung Münzstraße hat die Frequenz stark verloren. Philipp Penschek, der Inhaber von Kinderschuhe Penschek, hat sein 150 qm großes Fachgeschäft im Duisburger Süden im Stadtteil Buchholz, 7 km von der Innenstadt entfernt. Direkt gegenüber gibt es einen großen Marktplatz mit 150 Parkplätzen. Penschek sagt: „Wir haben uns bei unserem Umzug ins neue Ladenlokal 2021 bewusst wieder für den Süden als Standort entschieden, denn als Spezia- list für Kinderschuhe ist es im Vorort für die kleinen und großen Kunden und Kundinnen entspannter. Die jungen Mütter mit kleinen Kindern möchten nicht in der City einkaufen, sondern möglichst nah am Wohnort. Wir werden hier gezielt angesteuert, wenn die Kinder aus ihren Schuhen herauswachsen oder ein Saisonwechsel ansteht“. Das Einzugsgebiet reicht vom Niederrhein bis nach Köln. Fazit von Philipp Penschek: „Generell ist die Innenstadt für mich als Fachgeschäft nicht lukrativ, die City ist tot und uninteressant für mich“. Henrik Dismer fasst zusammen: „Während der letzten Jahre haben viele Mitbewerber aufgegeben. Als Fachgeschäft für die ganze Familie sind wir hier der letzte Mohikaner“. Dismer betreibt vier Geschäfte in Duisburg, davon ein Geschäft mit 400 qm im Forum und drei kleinere Läden als reine Nahversorger-Standorte in den Stadtteilen. „Wir haben unser Sortiment auf die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden in Duisburg angepasst. Wir kappen den Bereich oberhalb von Paul Green, Lloyd, Panama Jack und Birkenstock und bieten ihn nicht in voller Breite an. Dafür berücksichtigen wir den mittleren Bereich neben den Eigenmarken aus Portugal stärker mit Marken wie Gabor, Remonte, Skechers, Waldläufer, Rieker und Tamaris. Der Kinderschuhbereich ist sehr preissensibel.“ Ein positiver Aspekt: Duisburg habe sich architektonisch gut entwickelt und es gebe auch Stadtfeste und verkaufsoffene Sonntage. „Es ist zwar mühsam und das Niveau früherer Jahre erreichen wir hier nicht, aber wir möchten den Standort Duisburg nicht aufgeben“, sagt Dismer.