Beim Webinar standen digitale Werkzeuge für Handel und Industrie im Mittelpunkt. Das Themenspektrum reichte von KI-gestützter Preis- und Warensteuerung über B2B-Content-Erstellung und Multichannel-Prozesse bis hin zu Führung und Logistik.
Zum Auftakt stellte Patrick Michelberger von Michelberger Digital mit Aivee Pricing ein System vor, das Topseller und Problemartikel frühzeitig erkennen und daraus Handlungsempfehlungen ableiten soll. Hintergrund sei, dass der Handel seit Jahren unter Druck stehe. Aus seiner Sicht steigen die Kosten deutlich schneller als die Erträge. Entsprechend klar formulierte Michelberger: „Wir brauchen eine Software, um früher reagieren zu können.“ KI könne dabei helfen, Abverkaufsprognosen zu erstellen und Maßnahmen wie Rabattierung, Umlagerung, Nachorder oder eine neue Warenpräsentation gezielter einzusetzen. Seine zentrale Botschaft: „Warensteuerung wird zur Teamaufgabe.“
Auch Go Fact setzt den Fokus auf datenbasierte Entscheidungen im Bestand. CSO Jesper Holme Kalhave betonte: „Der Modehandel wird zwar nicht einfacher, aber Entscheidungen können einfacher werden.“ Das System soll große Datenmengen operativ nutzbar machen und konkrete Prioritäten für Filialen und Warengruppen ausgeben. Kalhave brachte den Ansatz folgendermaßen auf den Punkt: „Der Modehandel wird zwar nicht einfacher, aber Entscheidungen können einfacher werden.“ Das Prinzip hinter der KI solle sein: „Fragen rein, Prioritäten raus.“
Einen anderen Zugang zeigte Mobi Media. CEO Reinhold Wawrzynek sprach darüber, wie KI direkt in B2B-Sales- und Orderprozesse eingebunden werden kann. Im Fokus standen KI-generierte Moodboards, Modelbilder, Produktdarstellungen, Flatlays und Lookbooks. Der erzeugte Content solle dabei nicht als Zusatzfunktion nebenher laufen, sondern in bestehende Vertriebs- und Arbeitsabläufe eingebettet werden. Wawrzynek sagte: „Ich war selbst überrascht davon, wie realitätsnah die Content-Erstellung ist.“ Zugleich betonte er: „Ich kann nur dazu anregen, die bestehenden Möglichkeiten zu nutzen.“
Mit Cloudstock rückte anschließend das Thema Multichannel in den Mittelpunkt. Co-Founder Ralf Jaacks sprach über die Anbindung von Warenwirtschaft, Shopsystemen und Marktplätzen und plädierte für mehr Flexibilität in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Seine Kernaussage: „Wir glauben an Multichannel und Flexibilität in unsicheren Zeiten.“ Vorgestellt wurden unter anderem Lösungen für automatisierten Bestandsabgleich, Auftragsimport und Profitabilitätsanalysen. Ob es online oder stationär besser läuft, könne man so eindeutig nicht beantworten. Darum sei Multichannel so entscheidend.
Vor der Mittagspause setzte Andreas Nemeth von Nemeth Training und Coaching bewusst einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt. In seinem Vortrag ging es nicht um Technik, sondern um Führung, Klarheit und Entscheidungsfähigkeit. Das Hauptproblem sei, dass viele Verantwortliche unter dauerhaftem Druck in einen reaktiven Modus geraten, in dem zwar schnell gehandelt, aber nicht unbedingt klar entschieden werde. Mehr Tempo, mehr Informationen und mehr Druck seien nicht die Lösung. Stattdessen müsse man vom fremdgesteuerten „Dis-Stress-Modus“ in einen bewussteren „Gestalter-Modus“ wechseln, in dem Führungskräfte klarer priorisieren und fokussierter kommunizieren. Das Motto dahinter: „Work smarter, not harder.“ Wenn diese Klarheit vorhanden sei, könnten Entscheidungen nicht nur schneller, sondern auch wirksamer getroffen werden – und gäben Teams mehr Orientierung und Sicherheit.
Am Nachmittag stellte Zucchetti die Filiale als zentrale Plattform in den Mittelpunkt. Senior Sales Manager Joachim Hebel beschrieb, dass viele Stores heute noch mit zu vielen Systemen, Oberflächen und Medienbrüchen arbeiten. Das klassische Kassensystem reiche dafür nicht mehr aus. Stattdessen brauche es integrierte, mobile und skalierbare Plattformen, die POS-, ERP- und Omnichannel-Prozesse zusammenführen und den Mitarbeitenden auf der Fläche den Arbeitsalltag erleichtern.
Abschließend richtete Dachser den Blick auf die Logistik. Im Vortrag „Smart to POS“ ging es um nachhaltige City-Logistik und die Rolle des Point of Sale in der Lieferkette. Dabei wurde betont, dass in der Mode- und Schuhbranche nicht nur Schnelligkeit, sondern auch Timing, Einkaufserlebnis und Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinnen. Entsprechend formulierten Uwe Riechel und Jan Timmer von Dachser: „Logistik heute muss mehr leisten, als schnell zu sein.“ Und weiter: „Gerade im urbanen Retail ist Nachhaltigkeit kein Nice-to-have mehr, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor.“
In seiner Schlussnote griff BTE-Geschäftsführer Sönke Padberg Beobachtungen von den Messen NRF in New York und der Euro Shop auf und leitete daraus ab, worauf der Fachhandel jetzt besonders achten sollte. Seine zentrale Einschätzung lautete: „KI ist in New York kein Buzzword mehr, sondern wird gelebt.“ Themen wie Agentic Commerce seien dort bereits deutlich weiter entwickelt. Besonders habe ihn beeindruckt, wie offen auch große Unternehmen über Herausforderungen, Fehler und Lernprozesse gesprochen hätten. Für den deutschen Mittelstand seien vor allem Kostenoptimierung, Kundenbindung, Effizienzsteigerung und die Reduzierung manueller Prozesse zentrale Aufgaben. „All das zu etablieren, ist gerade für den Mittelstand jetzt enorm wichtig“, sagte Padberg.
Zugleich warnte er davor, Investitionsentscheidungen immer weiter aufzuschieben: „Wenn Sie sich jetzt nicht für ein Tool oder eine Software entscheiden, verpassen Sie den Absprung.“ Sein Appell an die Händler fiel entsprechend deutlich aus: „Steigen Sie ein und geben Sie Gas!“ Darüber hinaus verwies Padberg auf Themen wie RFID und Digital Pricing, bei denen die Schuh- und Modebranche zum Teil noch Nachholbedarf habe.
Auch Secondhand und Repair bezeichnete er als Megatrend. Mit Blick auf internationale Entwicklungen verwies er zudem auf datengetriebene Geschäftsmodelle mit Shein als Beispiel. Während viele klassische Lieferanten in Forecasts noch „driven by hope“ seien, arbeite Shein „driven by data“ und richte Sortiment und Nachsteuerung konsequent an Echtzeit-Nachfrage aus. Dadurch könne genau kalkuliert werden, wie hoch der Bedarf ist. Das Ergebnis: kaum bis keine Restanten. Die Lehre daraus sei jedoch nicht, Modelle einfach zu kopieren, sondern die eigenen Stärken klarer herauszuarbeiten. Abschließend appellierte Padberg für lokale Kompetenz, Zielgruppenverständnis sowie eine präzisere Steuerung von Sortiment und Marketing.