Ohnehin sei es immer wieder vorgekommen, dass sie gefragt wurde, was denn ihr Ehemann beruflich mache, wenn seine Frau arbeiten gehen müsse. Das sei heute anders. Dennoch, glaubt Pierog, seien Frauen vor allem in verantwortlichen Positionen in der Industrie noch unterrepräsentiert. „Dabei gibt es so viele Talente unter ihnen.“ Da sei die junge Gesellin in einer Orthopädiewerkstatt. Sie bekam ein Baby – und die Aufregung in der Firma war groß, ob denn die junge Mutter ihre Aufgaben weiterhin würde erfüllen können. Sie konnte. Sie nahm ein halbes Jahr nach der Geburt ihre Arbeit wieder auf. Abends ab 19 Uhr, wenn ihr Ehemann zu Hause war, begann ihr Arbeitstag. Und wenn das Team morgens in die Werkstatt kam, war alles, was anstand, fertig. Durch eine Flexibilisierung ihrer Arbeitszeit erreichte man eine Win-win-Situation. „Und diese Mutter hat viel geleistet, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen“, sagt Pierog. Das sei auch heute noch so. Dennoch fehle es oft an Vertrauen. Früher sei sie in Vorstellungsgesprächen gefragt worden, ob sie Kinder bekommen wolle, erinnert sich die Fachfrau. Das war auch damals schon nicht erlaubt. Doch auch heute schwinge in vielen Chefetagen die Überlegung mit, ob man eine junge Frau im Unternehmen aufbauen wolle, um sie dann doch nach einigen Jahren wieder zu verlieren, weil sie sich dann ihrer Familie widmen will. Pierog wünscht sich, dass auch in der Schuhbranche mehr Rücksicht auf Mitarbeiterinnen genommen wird – sei es, um junge Mütter dabei zu unterstützen, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen, oder mehr Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Frauen in der Menopause möglicherweise mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen haben.
Deshalb brauche es als Frau in der Schuhbranche nach wie vor Ellenbogen – und ein hohes Maß an Durchhaltevermögen. Und man müsse sich für ein Gehalt einsetzen, das dem der männlichen Kollegen entspricht. „Ich glaube, dass Frauen auch heute noch in einigen Fällen für dieselbe Tätigkeit weniger Gehalt bekommen als Männer“, sagt Pierog. Zugleich sollten Frauen stolz auf ihre besonderen Fähigkeiten sein: „Wir sind oft weitsichtiger und überlegter. Und oft auch einfühlsamer als viele Männer.“ In Entscheidungsprozessen würde manches vielleicht hinterfragt. Die Ergebnisse seien aber dafür durchdacht und klar. Und: „Frauen können besser als Männer sagen, dass sie mit einem Thema Schwierigkeiten haben, und sich Unterstützung holen“, glaubt die Expertin. Sie seien realistischer in ihrer Selbsteinschätzung, während Männer oft fast reflexartig glaubten, alles schneller und besser zu können. Und speziell in der Schuhindustrie bzw. im Handwerk könnten Frauen ihre Qualitäten einbringen: „Ein von einer Frau gefertigter Maßschuh ist gleichwertig und oft filigraner als der, den ein Mann gebaut hat.“
Bei der Rexor, wo Pierog seit mehr als zwei Jahrzehnten tätig ist und viele Händler unterstützt und begleitet, gebe es ein starkes Frauen-Team, das kollegial und auf Augenhöhe zusammenarbeitet. Niek Jansen und Günter Neunaber seien zwar männliche Geschäftsführer, „aber wir Frauen rocken das“, sagt Manuela Pierog. So habe eine Kollegin gerade ihr drittes Kind bekommen und plane, in wenigen Monaten wieder in ihren Job zurückzukehren. „Für uns war es selbstverständlich, dass wir bis dahin ihre Aufgaben unter uns Kolleginnen aufteilen.“
Darum wünscht sie sich, dass Unternehmen Frauen mehr zutrauen sollten. „Man sollte ihnen signalisieren: Du schaffst das. Bislang sind es eher die Frauen, die von sich selbst wissen, dass sie einer Aufgabe gewachsen sind. Und wenn eine Frau sagt: Ich schaffe das, dann kann ein Unternehmer davon ausgehen, dass das Vorhaben gelingen wird. Das sollte in den Führungsetagen viel stärker gesehen werden.“