„Es ist eine Minimalanforderung an einen Hersteller, pünktlich und in der richtigen Menge zu liefern.“ Dies sagte im Jahr 2010 der damalige Gesellschafter des Schuhherstellers Rohde, Lewin Berner. Er schloss sein Statement seinerzeit mit den Worten, die Schwierigkeiten des Unternehmens in dieser Hinsicht seien erkannt und behoben. Sechs Jahre später erlebt die Branche mit Rohde ein déja-vu. Und das nicht zum ersten Mal. Händler, die der ohnehin gebeutelten Marke auch in schwierigen Zeiten die Treue gehalten hatten, warten derzeit wieder einmal auf Schuhe. Und werden vertröstet auf Liefertermine Ende November. Für die Warengruppe Hausschuhe ist das eine Katastrophe. Zumal Rohde in diesem Segment traditionell eine hohe Kompetenz besitzt. Noch vor wenigen Tagen wurde am Rande des Marktgesprächs Schuhe spekuliert, was denn da los sei in Schwalmstadt. Die Antwort kam kurz darauf: Am 28. Oktober meldete das Unternehmen Insolvenz an. Zum zweiten Mal nach 2007.
Seit der ersten Zahlungsunfähigkeit vor neun Jahren hat das Traditionsunternehmen – Gründungsjahr immerhin 1862 – eine Entwicklung genommen, die man mindestens als abenteuerlich bezeichnen darf. Der langjährige Geschäftsführer kam wegen Betrugs, Bilanzfälschung und Insolvenzverschleppung hinter Gitter. Es folgte ein Kommen und Gehen von Gesellschaftern, Geschäftsführern, Vertriebs- und Marketingleitern. Sie alle kündigten im Gespräch mit unserer Zeitschrift stets an, alle (Liefer-)Probleme seien in Bearbeitung, man sei sich der Herausforderungen bewusst, glaube an die Marke sowie daran, dass sie zu alter Kraft zurückfinden werde – und sogar „stärker denn je“ werden könne. Von einem „Rohdiamanten“ war die Rede und davon, diesen wieder zum Glitzern zu bringen. Die Marke neu aufstellen wollte man und auf die Erfolgsspur zurückfinden. Flankiert wurden all diese – durchaus ambitionierten und sicher gut gemeinten – Einlassungen durch schmerzhafte Einschnitte. Es kam zu Entlassungen in großem Stil, die Eigenproduktion in Schwalmstadt wurde geschlossen – alles, um das Unternehmen zu retten. In der Kollektionsarbeit wurde experimentiert und mehr Mode gewagt. Man versuchte sich in witzigen Marketingideen. Genutzt hat all dies offensichtlich nichts.
Dabei spielt eine entscheidende Rolle, dass die Branche unter einem erheblichen Druck steht. Da trennt sich die Spreu vom Weizen – das erleben wir derzeit überall. Vor allem aber drängt sich der Eindruck auf, dass man im Falle von Rohde zu viel von der Rückkehr zu vergangenen goldenen Zeiten geträumt, das Kerngeschäft jedoch vernachlässigt und die Minimalanforderungen nicht in den Griff bekommen hat. Nun wird wieder an Sanierungsideen gearbeitet. Noch ein déja-vu. Derweil wird sich der Markt mit der Frage befassen, ob man eine Marke wie Rohde (noch) braucht. Die Antwort könnte gnadenlos ausfallen.