schuhkurier: Herr Hanus, Ihre berufliche Laufbahn hat sie zu fünf entscheidenden Stationen geführt. Als Student begannen Sie beim Einzelhändler Dielmann, später folgten Tätigkeiten in der Industrie. Wie hat sich die Branche im Laufe der Jahre verändert?
Ralph Hanus: In vielfacher Hinsicht. Wenn ich daran denke, wie in den 80er-Jahren noch verkauft wurde… Da gab es bei Dielmann noch das typische Fachgeschäft mit großer Schaufenster-Passage, mit Sitzreihen innen und einer so genannten Aufsicht. Die Verkäuferinnen trugen schwarze Kittel. Damals war es auch selbstverständlich, dass die Kundinnen im September ein Paar Stiefel und ein Paar Pumps kaufen. Das hat sich komplett verändert. Dann kam die Entwicklung der so genannten ‘Grünen Wiesen’. Große Flächen in Gewerbegebieten. Die dort deutlich günstigeren Mieten machten es den Unternehmen leicht zu expandieren. Später kamen die SB-Märkte hinzu. Parallel zu dieser Entwicklung schafften es viele Städte nicht, attraktiv zu bleiben. Es gibt viele Beispiele für kleinere Städte, die heute praktisch keinen vernünftigen Einzelhandel mehr haben. In diesem Zusammenhang verstehe ich nicht, warum sich auf den großen Handelskongressen nie Bürgermeister blicken lassen. Eine Stadt kommt schließlich nicht ohne Handel aus. Umgekehrt allerdings funktioniert das schon.
sk: Inzwischen ist mit dem E-Commerce ein weiterer mächtiger Player hinzugekommen. Wohin soll das führen?
R. H.: Man könnte Schlimmes befürchten. Aber wenn man sich auf der Bread&Butter z.B. das Angebot an traditionellen Herrenschuhkollektionen ansah, dann konnte man schon auch ins Staunen geraten: Es sieht danach aus, als entwickele sich eine neue Langsamkeit, eine Tendenz hin zu mehr Handwerklichkeit bzw. Manufaktur und damit zu mehr Wertigkeit und Haltbarkeit – also zu Produkten mit mehr Langlebigkeit. Es muss nicht alles schnell sein. Schnell, das heißt auch: schnell vergänglich. Ich bin überzeugt, dass heute bei weitem nicht jeder einen Ballerina für 4,99 Euro bei Primark oder 19,90 beim Preiswert-Filialisten kaufen will. Will sagen: Vielleicht erzeugt die Bewegung hin zu mehr Schnelligkeit und Oberflächlichkeit auch eine Gegenbewegung: hin zu mehr Tiefgang, Langsamkeit und Qualität.
sk: Sind viele Händler zu groß und zu unflexibel?
R. H.: Ja. Sie sind behäbig geworden, vielleicht auch zu systemgesteuert.
sk: Ihr Gesellschafter, die Intersport, wird wegen ihrer extremen Systematik kritisiert…
R. H.: Die Sportbranche macht eine gewisse Systematik Sinn. In unserer Branche ist der Individualisierungsgrad dagegen sehr viel höher. Und weil das letzte Glied in der Kette der Schuh ist, muss er gut inszeniert werden. Die Bereitschaft, sich unter diesem Aspekt mit der Ware zu beschäftigen, ist heute nicht immer und überall selbstverständlich. Es braucht Verkäufer, die mit Vollblut dabei sind. Ein guter Verkäufer sieht, was man machen kann. Viele Systeme sind sehr starr. Da ist kein Raum für die Individualität des Einzelnen. Sicher hat eine Systematik in den Prozessen ihre Vorteile. Aber sie hat auch Nachteile. Zum Beispiel den, dass sich die Führung meist zu weit von der Ware entfernt. Es fehlt die ordnende Hand auf der Fläche. Es ist wichtig, dass der einzelne Mitarbeiter unternehmerisch denkt.
Das vollständige Interview mit Ralph Hanus lesen Sie in schuhkurier Ausgabe 7/2014.