Herr Hänel, Sie haben in einem Interview mit einer Tageszeitung das Verbraucherverhalten kritisiert. Anlass war die bevorstehende Schließung ihres Standorts in Crailsheim. War es richtig, Konsumentinnen und Konsumenten für die Probleme im Einzelhandel verantwortlich zu machen?
Ja. Und ich stehe dazu, wobei man das natürlich nicht aus dem Kontext reißen darf. Es war mir wichtig, dass wir in die Diskussion über das Verbraucherverhalten einsteigen. Die Politik kann regulieren und verbieten. Wir können tolle Läden einrichten. Aber ohne den Verbraucher schaffen wir es nicht. Solange Menschen bei ultrapreiswerten Onlinehändlern Schuhe für 3 Euro, mit Zöllen dann 11 Euro kaufen, kann der hiesige stationäre Schuhhandel nicht bestehen. Die Verbraucher haben es in der Hand. Und das muss man ihnen auch sagen können. Die Diskussion um unsere Innenstädte und um Arbeitsplätze im Handel muss die Konsumentinnen und Konsumenten erreichen. Was wäre die Alternative: Die Menschen nicht kritisieren, auch nicht in die Diskussion einbeziehen und die Sache aussitzen? Ich finde: Jeder ist mitverantwortlich. Und der Verbraucher ist das wichtigste Glied in der ganzen Kette. Städte, Händler, Politik: Alle können ihren Teil beitragen zum Überleben der Städte. Aber ohne eine Erkenntnis beim Verbraucher selber wird ein Turnaround ganz, ganz schwer. Nein, anders: wird er in ganz vielen Städten nicht gelingen.
Welche Resonanz haben Sie auf Ihr Interview erfahren?
Ich habe viel positives Feedback bekommen, von Händlern, aber auch von Lieferanten und auf dem Social Media-Kanal der Crailsheimer Tageszeitung, in der das Interview erschienen ist, auch von Verbrauchern. Es gab Statements nach dem Motto „Das kommt davon, wenn alle nur noch online kaufen“. Ich habe durchaus eine gewisse Erkenntnis wahrgenommen, dass man als Verbraucher für eine solche Entwicklung auch mitverantwortlich ist. Die Menschen wollen helle moderne, schöne, klimatisierte Läden – und kaufen dann Billigstware. Das muss man ihnen vor Augen führen.
Ich sehe natürlich auch uns als Händler in der Pflicht. Meine Aufgabe ist es, Einkaufserlebnisse zu schaffen. Das ist aber nicht die einzige Lösung. Wir können nicht von Event zu Event arbeiten oder in Schönheit sterben. Wir müssen unsere Läden auch profitabel führen können. Und das wird schon schwierig, wo Marken aus unserem Sortiment auf Plattformen angeboten werden. Und in diesem Puzzle spielt der Verbraucher eben auch die wichtigste Rolle.
Was haben Sie von Kundinnen und Kunden gehört?
Es gab und gibt Bedauern speziell über die Schließung des Schuhhaus Freitag in Crailsheim. Das ist schließlich ein alteingesessenes Geschäft. Das Bedauern, das unser Personal und auch ich wahrnehmen, wirkt echt. Menschen erinnern sich daran, wie sie als Kinder in der Kinderschuhabteilung auf der Rutsche saßen. Und sie wissen auch: Wenn heute ein Fachgeschäft schließt, kommt in der Regel kein neues. Sondern nur noch – ich zitiere – „Mist“. Dann werden die üblichen Branchen aufgezählt, die zwar in Leerständen eröffnen, aber keinen Mehrwert für Stadt oder Verbraucher bringen. Also insbesondere die Diskussion auf Social Media war außerordentlich stark von einer Verbrauchererkenntnis bestimmt. Vermutlich aber leider genau bei denen, die sowieso den stationären Einkauf allem anderen vorziehen.
Und klar musste ich mir auch anhören: „Der sucht die Fehler nur beim Verbraucher“. Das ist aber nicht so. Ich bin mir sehr wohl meiner eigenen Pflichten und auch Fehler bewusst. Nur sage ich: Wir brauchen die Erkenntnis beim Verbraucher, dass er noch vor Politik oder der Stadt selber den größten Einfluss auf das Aussehen und das Überleben unserer Innenstädte hat.