Diese Trendwende stellt in gewisser Weise eine „Normalisierung“ dar, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch. Während der Corona-Pandemie hätten viele Unternehmen die Insolvenz dank staatlicher Hilfen vermeiden können. Dieser Effekt falle nun wieder weg. In der letzten großen Krisenzeit, der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, war die Anzahl der Insolvenzen sogar deutlich höher als 2023. In Deutschland gab es 2009 zum Beispiel rund 33.600 Unternehmensinsolvenzen, 2023 waren es rund 18.000. Doch der mit den Insolvenzen zusammenhängende Gläubigerschaden und Stellenabbau fällt heute stärker aus, so Hantzsch: „Der Impact der Insolvenzen ist größer als noch 2009. Wenn ein Unternehmen pleitegeht, hat das drastischere Effekte auf die an deren Unternehmen in der Lieferkette.“ Das wirtschaftliche Klima damals habe trotz der Krise eine Erholung begünstigt, während die Stimmung heute eine andere ist, wie Gerhard Weinhöfer ausführt: „Ein neuer Geist geht durch Europa, der Geist der Inflation.“ Um die steigende Inflationsrate abzudämpfen, hat die Europäische Zentralbank den Leitzins erhöht. Darunter leidet jedoch auch die Investitions- und Konsumneigung. Ein weiterer Unter schied sei, dass heute die globale Wett bewerbssituation eine andere ist. Insbesondere Konkurrenz aus China erhöhe den Druck.
Schere zwischen Unternehmen geht auseinander
Besonders der Handel (inklusive Gastgewerbe) leidet unter der wirtschaftlichen Situation. Die gegenwärtige Sparneigung in ganz Europa trifft diesen Wirtschaftsbereich besonders stark. In Westeuropa gab es 2023 zwar die meisten Insolvenzen im Dienstleistungssektor (40,8%), der Anteil ist jedoch zurückgegangen und lag 2022 noch bei 42,2%. Der Anteil des Handelssektors am Insolvenzgeschehen erhöhte sich hingegen von 29,8% auf 31,0% und ist damit auf dem höchsten Wert seit 2019. Die schlechte Wirtschaftslage wird auch 2024 zu einer weiteren Zunahme an Insolvenzen in Europa führen, prognostizieren die Forscher. Es geht jedoch auch nicht allen Unternehmen schlecht, stellt Patrik-Ludwig Hantzsch klar: „Die Schere zwischen den Unternehmen geht auseinander. Bei vielen Indikatoren stehen viele Unternehmen entweder sehr gut oder sehr schlecht da.“