Der Schwalmstädter Schuhanbieter hat sich neu aufgestellt

Rohde-Reboot

Motiv der aktuellen Rohde-Kampagne. (Foto: Rohde)
Motiv der aktuellen Rohde-Kampagne. (Foto: Rohde)

Die Komfort- und Hausschuhmarke Rohde hat sich neu erfunden. Mit einer groß angelegten Kampagne wurde die Strategie des Unternehmens zur aktuellen F/S-Saison in Richtung Endverbraucher kommuniziert. Und das soll noch nicht alles sein.

Eine Frau mit kurz geschorenen Haaren schreitet langsam durch eine Wüstenlandschaft. „So lange ich mich erinnere, hatte die Welt um mich herum immer bestimmte Erwartungen. Wie ich als Frau sein sollte. Wie ich aussehen und mich benehmen sollte“, begleitet eine weibliche Stimme aus dem Off die Szene. „Ich bin geboren, um echt zu sein, und nicht, um irgendjemandes Kriterien für Perfektion zu erfüllen.“ Es ist das neue Kampagnen-Video des Schuhherstellers Rohde für die Saison F/S, das mit dem Titel „Stay Real“ Protagonisten auf die Bühne hebt, die ihren eigenen Weg gehen. Neben dem Model mit den kurz geschorenen Haaren kommen weitere Menschen in dem Video vor: ein Surfer, eine Tänzerin und eine Skaterin. Ihre Botschaft: Wir haben uns gegen konventionelle Karrieren und Lebenskonzepte entschieden. Und es sind Schuhe von Rohde, die uns auf unseren individuellen Wegen begleiten.
Die neue „Stay Real“-Kampagne ist nur ein Baustein eines umfassenden Relaunches, den Rohde für die aktuelle F/S-Saison gestartet hat. Nicht weniger als eine neue Ära wolle man einläuten, sagte Geschäftsführer Renato Lo Presti im Herbst vergangenen Jahres zum Auftakt der Kampagne. Neben einem neuen, verjüngten Markenauftritt geht es dem Rohde-Chef um einen klaren Fokus auf Pantoletten, Komfort- und Hausschuhe für Damen und Herren, umfassende Serviceleistungen für den Fachhandel und moderne Strukturen bis hin zur Ausrichtung auf Nachhaltigkeit.

Übernahme in schwieriger Zeit

Seit 2017 gehört Rohde zur italienischen Inblu-Group mit Sitz in Verolanuova unweit von Brescia in Norditalien. Das Unternehmen, seit den 70er-Jahren im Markt, war zunächst Hersteller von Sohlen und Absätzen und startete in den 80er-Jahren mit der Fertigung von Schuhen. Inblu unterhält eine Fabrik in Polen sowie Fertigungsstätten in der Ukraine westlich von Kiew.
Im Herbst 2016 nahm der Insolvenzverwalter des seinerzeit angeschlagenen Schwalmstädter Unternehmens Rohde – es war die zweite Insolvenz nach 2007 – Kontakt zu Inblu auf. Man wurde sich einig; die Übernahme erfolgte im März 2017. Das Ziel der Italiener war klar formuliert: Man wollte Rohde als eigenständiges Unternehmen und als Hauptmarke in Deutschland in die Gruppe integrieren und den Standort in Nordhessen mit 50 Arbeitsplätzen erhalten. Es sollte die Wende für die immer noch sehr bekannte, aber arg gebeutelte Schuhmarke mit ihrer wechselvollen Geschichte werden. Lo Presti, seit dem Neustart 2017 Geschäftsführer von Rohde, erinnert sich an die Anfänge: „Das Vertrauen der Endverbraucher war da. Der Glaube an unsere Mitarbeiter auch. Wir brauchten aber auch das Vertrauen unserer Lieferanten und der Kunden im Handel.“

Neue Strukturen, neue Philosophie

Dafür zogen die neuen Inhaber zunächst modernere Strukturen ein. „Verbesserung geht nicht ohne Veränderung“, betont Geschäftsführer Lo Presti und verweist darauf, dass Rohde immer schon ein innovatives Unternehmen war, gründete der Hersteller doch im Jahr 2003 gemeinsam mit dem Rosenheimer Unternehmen Gabor den Software-Anbieter RG-Technologies, um innovative Technologien für die Schuhfertigung zu entwickeln. Innovation ist in Schwalmstadt auch heute wichtig, um effiziente Prozesse zu implementieren und schneller zu werden. Die meisten Veränderungen gab es seit der Übernahme durch Inblu dementsprechend im Bereich IT und Vertrieb. „Ziel war es, die Kundenzufriedenheit zu erhöhen, schlafende Kunden zu erkennen und neue zu gewinnen“, schildert der Geschäftsführer. Ein neuer Onlineshop und neue Marketingmaßnahmen wie gezielter Newsletter-Versand waren weitere Bausteine. Zudem setzt man am Headquarter von Rohde auf flache Hierarchien, so wenig Bürokratie wie möglich und eine Atmosphäre, in der neue Ideen entstehen können.

Technology Hub in Nordhessen

Am Standort in Schwalmstadt erinnern einige Gebäude noch an die glanzvolle Zeit von Rohde in den Nachkriegsjahren, als mehrere tausend Beschäftigte Millionen Paar Schuhe herstellten. Sogar eine LKW-Waschanlage gibt es, in der die Fahrzeuge aus dem Fuhrpark des Schuhproduzenten gereinigt werden konnten. In der ehemaligen Stepperei auf dem Gelände, in der noch 2020 Schäfte gesteppt wurden, sind nun die Büros für Verwaltung, Vertrieb und IT untergebracht. Hier soll nun ein Technologie-Hub entstehen. 35 Mitarbeiter sind aktuell in der Rohde-Verwaltung tätig. Wer das Gebäude betritt, wird von einem hellen, warmen Ambiente empfangen: Licht, Glas, klare Linien. Offen gestaltete Büroräume stehen für Transparenz und kurze Wege. Apropos Wege: Die werden natürlich in Rohde-Schuhen beschritten. Alle Mitarbeiter, auch der Chef, tragen bei der Arbeit Schuhe der Marke. Und auch Gästen wird angeboten, für ihre Termine auf leichte Hausschuhe oder Pantoletten „umzusteigen“. In einem Nebengebäude auf dem Areal befindet sich ein automatisches Hochregallager, das 1995 errichtet worden war. Hier arbeiten 20 Beschäftigte. Bis zu 700.000 Paar Schuhe können hier gelagert werden. Die Versandkapazität liegt – nicht zuletzt dank der Installation einer neuen Anlage – bei bis zu 8.000 Paar am Tag. Schwalmstadt ist nicht der Nabel der Welt – trotzdem wollen die Rohde-Verantwortlichen den Standort weiterent wickeln. „Wir möchten, dass diese gute und wichtige Firma bekannt wird, wir brauchen neue Talente“, betont Lo Presti. Nicht weniger als die besten IT-Talente der Region wolle man gewinnen. Für junge Menschen würden individuelle Entwicklungspläne erstellt. „Wir wollen ein super Unternehmen sein“, sagt der Geschäftsführer. Dazu gehörte auch das Ziel 100-prozentiger Klimaneutralität, das im Mai erreicht wurde.
Für die Produktion nutzt Rohde die Kapazitäten von Inblu in Polen und anderen europäischen Ländern. Die Schuhe werden in Schwalmstadt designt und in Europa gefertigt. Die Materialien werden laut Lo Presti ausschließlich aus Europa, unter anderem aus Italien und aus Spanien, bezogen.

Service für Fachhandelskunden

Aktuell verschickt Rohde 16.000 Kataloge pro Saison in die Welt. „Wir werden zwar immer digitaler, aber der persönliche Verkauf wird doch stark genutzt.“ Es gibt ein NOS-Programm mit mehr als 100 Artikel-Farbvarianten. Man legt Wert auf eine „sehr gute Nachlieferfähigkeit“, wobei Artikel und Mengen frei einteilbar seien. Der Kundendienst könne auf individuelle Wünsche aus dem Handel eingehen. Einzelpaar-Bestellungen sind möglich. Man arbeitet mit den Verbundgruppen zusammen und betreut mit einem siebenköpfigen Serviceteam unter Leitung von Manuela Allendorf, die seit 25 Jahren im Unternehmen tätig ist, Händlerinnen und Händler persönlich. Ein B2B-Portal ermöglicht dem Handel schnellen Zugang zu Produkten, Informationen und Content wie Lifestyle-Bildern für Social Media-Postings.

Erfolg in der Pandemie

2021 war – trotz Corona – ein Erfolgsjahr für Rohde. Es wurden mehr als 140.000 Pakete ausgeliefert, ein Plus von 31% im Vergleich zu 2020. Zudem wurden 30% mehr Paar Schuhe eingelagert. Darauf will man aufbauen und noch schneller und besser werden: „Unser Plan: Mehr Effizienz im Versand und eine Optimierung der Warenausgangslogistik, um mehr Paare zu produzieren und zu versenden. Wir möchten noch präziser und schneller werden. Immerhin 30% des Gesamtordervolumens sind Nachbestellungen. Davon erfolgen 28% über das B2B-Portal. Die neuen Serviceleistungen von Rohde werden offenbar goutiert. Man freue sich über einen deutlichen Anstieg der Kunden im B2B-Bereich. Im Dezember 2021 waren 1.749 Handelsunternehmen als Rohde-Kunden registriert. 50% des Umsatzes generiert Rohde in Deutschland. Hier sind sechs Außendienstler für die Händlerinnen und Händler da. In den Exportmärkten arbeitet man mit zehn Agenten und Distributoren zusammen; in 23 Ländern werden Rohde-Schuhe verkauft, seit vergangenem Jahr gehören auch Polen und Spanien zu den Absatzmärkten.

Eine Love Brand werden

Neben neuen Strukturen und technischen Innovationen hat der Reboot von Rohde auch eine emotionale Komponente. Hier kommt die neue Kampagne ins Spiel. „Rohde soll wieder eine Love Brand werden“, nicht weniger will Geschäftsführer Lo Presti erreichen. Die Botschaft, die auch im eingangs erwähnten Video Ausdruck findet, lautet: Sei offen, genieße dein Leben. Du bist perfekt, so wie du bist. Rohde will sich als Marke positionieren, die Menschen die Freiheit gibt, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Ein umfangreiches Re-Design der Marke soll die neue Philosophie von Rohde unterstreichen. So ist die Änderung der gesamten visuellen Markenidentität, welche auch das Logo einschließt, nach Überzeugung von Stojan Rudan, Head of Marketing & Brand, Ausdruck der umfassendsten Neuausrichtung in der Unternehmensgeschichte.
Einher geht ein Neudesign aller wesentlichen Kommunikationselemente, vom Schuhkarton bis zum Katalog, vom B2B-Shop bis zur Website. Und auch in den Showrooms hat Rohde einen neuen Auftritt. „Unsere Geschichte ist geprägt von viele Erfolgen, einigen Rückschlägen und einer großartigen Comeback-Story. Rohde hat sich verändert, ist schlanker, dynamischer, moderner geworden. Die Marke hat neuen Glanz ohne alte Lasten. Wir haben uns neu erfunden.“
 

Rohde – Zahlen & Fakten

Die Marke Rohde hat ihre Wurzeln im Jahr 1862. Nach Gründung der Gerberei Louis Rohde im brandenburgischen Guben wurde eine Schuhfabrik errichtet. Erich Rohde übernahm das Unternehmen, verließ Ostdeutschland und baute in Nordhessen die Schwälmer Hausschuhfabrik auf. Anfangs produzierten fünf Personen Schuhe aus unterschiedlichen Materialien. 1948 wurde ein erster Produktions-betrieb aufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten wurde Rohde zur Familienmarke; das Unternehmen stellte Schuhe für Damen, Herren und Kinder her. Im Jahr 2005 beschäftigte es 3.800 Mitarbeiter und produzierte 8 Mio. Paar Schuhe pro Jahr. Es folgten mehrere Inhaberwechsel und zwei Insolvenzen in den Jahren 2007 und 2016. Seit 2017 gehört Rohde zur italienischen Inblu Group.

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Petra Steinke / 13.06.2022 - 13:05 Uhr

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