Berlin, Mitte Dezember. Auf Einladung der CDU/CSU-Fraktion treffen sich bei den Wirtschaftsgesprächen Verantwortliche aus Politik und Einzelhandel, um gemeinsam zu eruieren, welche Herausforderungen für die nächsten Jahre dringend angegangen werden müssen. Aus dem Handel sind zahlreiche Vertreter erschienen. Nicht nur der HDE-Vorsitzende Josef Sanktjohanser gibt sich die Ehre. Auch der ZGV-Präsident und ANWR-Vorstandsvorsitzende Günter Althaus ist anwesend, ebenso Repräsentanten des Onlinehandels sowie die Verantwortlichen verschiedener Unternehmen. Sie diskutieren mit der Politik: Mitglieder des Bundestages und Vertreter von Ausschüssen mit Handelsschwerpunkt nehmen an der Veranstaltung teil; EU-Kommissar Günther Öttinger gehört zu den Key Note Speakers.
Wenn, wie hier in Berlin, Politik auf Wirklichkeit trifft, um den Slogan einer Polit-Talkshow zu bemühen, dann muss mit Spannung verfolgt werden, welche Themen auf die Tagesordnung kommen. Konkrete Ergebnisse durfte man am Ende des Tages nicht erwarten. Gleichwohl bilden die Wirtschaftsgespräche einen Baustein in einem demokratischen Prozess, der hoffentlich dazu führen wird, dass die Belange des Einzelhandels in Deutschland stärker in den Fokus der Politik rücken.
Ortswechsel: Westerwald, Anfang Januar. Die Region südwestlich von Siegburg und Bonn gehört nicht zu den strukturstärksten hierzulande. Gegenden wie diese gibt es viele in Deutschland. Eine Landstraße führt an Dörfern und kleinen Gemeinden vorbei. Eine Tankstelle, ein Spezialgeschäft für landwirtschaftliche Maschinen, eine Modeboutique für große Größen, ein Friseur, der zugleich Lotto-Annahmestelle ist. Hier heißt ’in die Stadt‘ gehen, das nächste Oberzentrum anzufahren. Und das hat vielleicht nur 10.000 Einwohner. Um die nächstgelegene Großstadt zu erreichen, muss mindestens eine Stunde Fahrtzeit in Kauf genommen werden. Die großen Vertikalen des Modehandels, die das Stadtbild in Düsseldorf, Frankfurt, München und Hamburg prägen, muss man hier gar nicht erst suchen – sie sind nicht da. Viele junge Menschen ziehen weg. Alteingesessene Handelsunternehmen stehen vor dem Aus, weil es keine nächste Generation gibt, die bereit ist, das Geschäft fortzuführen. Dennoch: Im Westerwald, auch in Mecklenburg-Vorpommern, in der Pfalz oder in Brandenburg, findet Einzelhandel statt. Für die Unternehmer, die in diesen Regionen jeden Morgen ihre Läden aufsperren, ist Berlin allerdings weit weg. Fragen wie die der Sonntagsöffnung, jüngst in der Hauptstadt so leidenschaftlich diskutiert, stehen hier nicht ganz oben auf der Agenda. Dennoch muss dem Einzelhandel besonders auch in diesen Regionen Aufmerksamkeit gewidmet werden. Gerade im ländlichen Raum ist in den nächsten Jahren mit erheblichen Strukturveränderungen zu rechnen. Die Unternehmer hier brauchen Lösungen für ihre Herausforderungen, damit es mittelfristig nicht zur Unterversorgung kommt. Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft, sollte sie die ganze Wirklichkeit betrachten.