Was sind aus Ihrer Sicht die größten digitalen Stellschrauben für den mittelständischen Schuhhandel?
1. Pre- und Inseason-Management. Dabei geht es darum, die richtige Ware einzukaufen und die richtigen Preise zu setzen. Das muss heute weniger nach Gefühl und mehr nach Datenlage durchgeführt werden. Es gibt dazu schon einige gute Tools, die sich durch die Minimierung von Abschriften und die Steigerung des Rohertrags schnell rechnen können.
2. Eine der Kernkompetenzen des mittelständischen stationären Schuhhandels liegt in der persönlichen Interaktion mit dem Kunden. Die muss über digitale Kanäle verlängert werden. Sei es über Kundenbindungsprogramme mit oder ohne App und über Social Media. Wenn der Mittelstand hier nicht sichtbarer wird, wird er weiter an Relevanz verlieren.
Der Online-Anteil am Umsatz stagniert in vielen Unternehmen – was muss sich verändern, damit digitale Vertriebskanäle nachhaltig wirksam werden?
Der Online-Anteil der Händler ist in der Regel deutlich ertragsschwächer als der Stationäranteil. Aus meiner Sicht sollte es deshalb gar nicht der Anspruch der Händler sein, diesen Anteil deutlich zu erhöhen. Wenn man das dennoch möchte, empfehle ich, stärker auf Spezialitäten und Nischen zu setzen wie zum Beispiel Sondergrößen, Eigenmarken oder Gesundheitsschuhe.
Wie gelingt es Händlern, digitale Prozesse so zu gestalten, dass sie wirklich Effizienz bringen und nicht zur Dauerbaustelle werden?
Aktuell gibt es sehr viele Digitalisierungsansätze. Es ist deshalb besonders wichtig, sich eine Strategie und Reihenfolge zu erarbeiten. Die Gefahr der Verzettelung ist sonst sehr groß. Hinzu kommt, dass sich Digitalisierungsprojekte gegenseitig beeinflussen. Eine fehlende Strategie führt zu Mehraufwand und unübersichtlichen Datenstrukturen.
Welche Rolle spielt KI als strategischer Hebel im digitalen Transformationsprozess – und wie lässt sie sich sinnvoll einbetten?
Wenn man Large Language Modelle von Chat GPT, Claude, Gemini und Copilot herausgreift, ist es aktuell am wichtigsten, KI im Unternehmen verfügbar zu machen. Dazu muss nicht jeder Mitarbeiter einen Chat-GPT-Account für 20 US-Dollar pro Monat erhalten. Es gibt mittlerweile attraktive AI-Gateways, die nach Nutzung bezahlt werden. Wenn man das geschafft hat, sollte man alle rückwärtigen Prozesse analysieren und prüfen, wo und wie man KI effizienzsteigernd einsetzen kann. Darüber hinaus spielt KI bei der Verarbeitung von Daten eine große Rolle. Hier würde ich auf professionelle Anbieter setzen, die sich in meine Warenwirtschaft einbinden lassen. Aktuell entsteht hier sehr viel.
Wie können Händler mithilfe von KI sichtbarer werden?
KI bietet in der Content-Erstellung völlig neue Möglichkeiten. Die Erstellung von ansprechenden Bildern und Videos ist mit KI deutlich einfacher. KI kann dabei helfen, das Social-Media-Profil sichtbarer zu machen und die Attraktivität der Kundenbindungsaktionen zu stärken. Darüber hinaus kann KI auch in den Bereichen von SEO und Contentplanung sinnvoll eingesetzt werden.
Wo sehen Sie angesichts der aktuellen Konsumflaute die größten Hebel für den stationären Schuhhandel?
Der stationäre Schuhhandel muss seine Stärken noch besser ausspielen. Die größte Stärke ist die Kompetenz vor Ort. Das bedeutet zielgruppenorientierte Sortimente (Stilkompetenz) und gute Beratung. Das geht nur mit empathischen und gut ausgebildeten Mitarbeitern. Das alles hilft aber nichts, wenn die Kunden das nur im Geschäft erleben. Mitarbeiter müssen auch außerhalb des Geschäfts mit den Kunden interagieren und sichtbar sein.