Weil wir schon seit Jahren keine Messe mehr gemacht haben und ich auch tatsächlich mit kaum einem Händler mehr Kontakt habe, bin ich vielleicht nicht die kompetenteste Person, um das zu beurteilen. Aber ich würde es heute anders formulieren. Es gibt nach wie vor einige sehr gute Händler in Deutschland. Strukturell sehen wir aber Veränderungen im Markt. Und der Handel spielt den großen Vorteil, den er gegenüber dem Onlinehandel hat, nicht richtig aus. Die physische Verfügbarkeit, dass man also ein Produkt probieren und sofort kaufen kann, ist der Hauptvorteil des Handels. Für ein E-Commerce-Unternehmen ist die Retoure das größte Problem. Dieses Problem hat der stationäre Handel nicht. Und das macht ihn an sich sehr profitabel. Er hat also sehr wohl eine Zukunft, aber vielleicht nicht mehr in der Breite, wie es früher war. Der Handel muss allerdings in der Lage sein, einen Schuh nicht einfach ins Regal zu stellen und den Verbraucher selbst entscheiden zu lassen. Da ist vieles verloren gegangen.
Welche Rolle spielt für Giesswein das Hausschuh-Segment?
Nach wie vor eine wichtige mit ca. 30% der Verkäufe. Aber natürlich hat der Merino Runner-Bereich dieses Segment überflügelt. Beim Hausschuhbereich muss man sehen, dass etwa 50% der Umsätze über Amazon laufen. Das ist horrend, ein Wahnsinn. Es werden sehr viele Hausschuhe online gekauft. Es ist bequem, man muss nirgendwo hingehen, um sie zu kaufen. Und es kommt nicht immer auf die perfekte Passform an. Zugleich glaube ich, dass viele stationäre Händler das Segment vernachlässigen. Da werden Sie wahrscheinlich heute in der Breite kein großes Sortiment mehr finden.
Wie wichtig ist für Sie die Internationalität?
Wir verkaufen unsere Schuhe weltweit. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind aber unsere wichtigsten Märkte. Hier verstehen wir unsere Kunden einfach am besten und richten uns nach ihnen aus.
Wie hoch ist Ihre Retourenquote?
Wir liegen bei 30%, was ein guter Wert ist. Aber das ändert nichts daran, dass Retouren ein Teil des Geschäfts sind. Der Kunde erwartet einfach, dass er diese Möglichkeit hat.
Wie ist das Jahr 2024 für Sie gelaufen?
Im Prinzip sehr erfolgreich, muss man sagen. Weil wir uns von Amazon getrennt haben, wachsen wir nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. Die allgemeine Konsumzurückhaltung und die Tatsache, dass bestimmte Kundengruppen von Inflation stark betroffen sind, bremsen ebenfalls. Aber insgesamt ist alles bei uns im Lot und wir können wirklich zufrieden sein. Im Jahr 2018/19 haben wir 15 Mio. Euro Umsatz erreicht und 2023 waren es 75 Mio. Euro.
Welche Erwartungen haben Sie für 2025?
Ich gehe von einem Wachstum zwischen 5 und 10% aus. Es gibt viele verschiedene Einflussfaktoren, daher sind langfristige Prognosen schwierig. Man muss von Monat zu Monat denken. Ich erwarte allerdings keinen Nachfrage-Einbruch.
Wie bereiten Sie sich auf die mögliche Situation vor, dass der Hype um den Merino Runner abebbt?
Wir launchen immer wieder neue Styles. Allein 2025 werden wir 12 neue Schuhmodelle auf den Markt bringen. Es gibt noch jede Menge Entwicklungspotenzial.
Wo sehen Sie für Ihr Unternehmen die größten Herausforderungen?
Wir sehen großes Potenzial in der Nutzung von KI. Wir sind das Thema vor über einem Jahr angegangen, weil es unglaubliche Möglichkeiten bietet, um effizienter und schneller zu werden. Und ich glaube, derjenige, der als erster auf diesen Zug aufspringt und das Thema gut umsetzt, kann gewaltige Effizienzvorteile für sich herausholen. Die große Herausforderung wird sein, auch die Mitarbeiter mitzunehmen.