Was war bisher der Moment, auf den du persönlich am stolzesten bist?
Eigentlich sind es die vergangenen Monate. Ich war kürzlich bei einer Runde mit Unternehmerinnen und Unternehmern aus Mainz, deren Unternehmen teilweise deutschlandweit oder international etabliert sind. Und plötzlich stand ich dort und konnte ganz selbstverständlich sagen: Ich habe Kathis Shoes. Ich stehe jetzt da und schäme mich nicht mehr für das, was ich mache. Das war früher anders. Lange habe ich wenig über Kathis Shoes gesprochen, weil es nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Heute kann ich mit sehr viel Glück und Liebe über mein Label sprechen. Ich fühle mich zum ersten Mal wirklich wohl in der Rolle und bin auch unglaublich glücklich über meine Kundinnen und ihre Begeisterung.
Was bedeutet Erfolg für dich?
Für mich ist Erfolg und Reichtum vor allem ein gesundes Unternehmen, das die Zeit bekommt, aus sich selbst herauszuwachsen. Ich sehe Kathis Shoes ein bisschen wie einen Apfelbaum. Erst musst du den richtigen Ort finden, ihn einpflanzen und ihm Zeit geben, Wurzeln zu schlagen. Wenn du direkt riesige Äpfel dranhängst, obwohl die Äste noch nicht stark genug sind, brechen sie ab. So möchte ich auch mein Unternehmen entwickeln: Es soll aus eigener Kraft wachsen, Rückschläge aushalten und dadurch stabiler werden. Nicht möglichst schnell groß werden, nur weil man von außen immer mehr hineinsteckt. Ich glaube, meine Unternehmensziele sind deshalb etwas andere als die, die man in der klassischen BWL lernt. Viele junge Menschen schrecken derzeit vor Selbstständigkeit zurück.
Würdest du heute noch einmal gründen?
Ich würde heute zumindest niemandem pauschal sagen: Gründe unbedingt. Dieser ganze Start-up- und Entrepreneurship-Hype sieht von außen oft sehr romantisch aus. So habe ich es mir am Anfang teilweise auch vorgestellt. In meiner Traumwelt hätte ich wahrscheinlich längst Mitarbeiterinnen und unzählige Kollektionen. Was dabei oft nicht erzählt wird: Eine Gründung bedeutet nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine enorme mentale Belastung. Sie hat Auswirkungen auf dein ganzes Leben. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Wenn jemand wirklich gründen möchte, würde ich diese Person immer unterstützen. Aber ich würde ihr eben auch sagen, was tatsächlich dazugehört.
Ist die Branche aus deiner Sicht offen genug für Menschen, die von außen kommen?
Nein, das empfinde ich nicht so. Ich würde gar nicht unbedingt von offener Ablehnung sprechen. Es ist eher eine eingesessene Bequemlichkeit – dieses Gefühl: Wir wissen, wie der Hase läuft, wir haben es schon immer so gemacht. Dabei glaube ich, dass Junge und Alte voneinander lernen können und dass eine Branche auch neue Ansichten und neue Marken braucht. Wenn Unternehmen nicht offener werden, kann das langfristig problematisch werden. Denn auch der Konsumentinnenmarkt verändert sich. Genau diesen frischen Blick braucht eine Branche aus meiner Sicht immer wieder.
Welche Eigenschaft deiner Generation verändert die Schuhbranche nach am stärksten?
Ich glaube, dass die Nähe zur Endkundin wichtiger wird. Man muss stärker verstehen, wer das Produkt am Ende tatsächlich trägt und was diese Person braucht. Für mich gehört aber auch ein anderes Verständnis von Zusammenarbeit dazu. Ich kenne meine Lieferanten, bin vor Ort und versuche, gemeinsam Lösungen zu finden. Mir ist wichtig, dass man sich auf Augenhöhe begegnet und nicht wegen der letzten paar Cent sofort den Partner wechselt. Ich sehe es kritisch, dass vieles immer unpersönlicher wird und nur noch per E-Mail läuft. Hinter jedem Unternehmen und jeder Produktion stehen Menschen. Dieses Bewusstsein sollte aus meiner Sicht wieder stärker werden.
Wenn du eine Sache an der Schuhindustrie sofort verändern könntest – welche wäre es?
Mehr Offenheit und mehr echtes Miteinander. Weniger „Das haben wir schon immer so gemacht“ und dafür mehr Bereitschaft, neuen Menschen, neuen Ideen und auch kleineren Unternehmen eine Chance zu geben.
Wenn wir dich zum 100-jährigen schuhkurier-Jubiläum wieder treffen: Wo soll Kathis Shoes dann stehen?
Ich würde mir wünschen, dass Kathis Shoes dann ein echtes All-Sizes-Inclusive-Label ist. Dass eine Frau mit Größe 38 und ihre Freundin mit Größe 44 beide sagen können: Dort bekomme ich richtig schöne, hochwertige Schuhe. Gleichzeitig soll die Persönlichkeit der Marke erhalten bleiben. Mein größter Traum ist tatsächlich gar kein riesiges, repräsentatives Luxusgebäude. Ich stelle mir eher eine wunderschön umgebaute Scheune irgendwo hier in Rheinhessen vor – mit einem großen wilden Garten. Von dort aus ist Kathis Shoes vielleicht in der ganzen Welt vertreten. Und die Marke ist nicht groß geworden, weil wir besonders laut waren, sondern weil wir es gut gemacht haben