Für die Schwestern gehörte der Schuhhandel schon früh zum Alltag. Im Familienunternehmen ihrer Eltern aufgewachsen, erlebten sie aus nächster Nähe, was es bedeutet, ein Handelsunternehmen zu führen. Dass sie selbst einmal gemeinsam in die Firma einsteigen würden, war zunächst jedoch keineswegs ausgemacht. Alle drei schlugen erst einmal andere berufliche Wege ein. „Wir wollten erst einmal unser eigenes Ding machen“, erzählt Laura Penciulescu rückblickend.
Mit der Zeit wuchs jedoch bei allen dreien der Wunsch, mehr Verantwortung zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen. „Wir sind irgendwann alle an einen Punkt gekommen, an dem wir gemerkt haben: Es reicht uns einfach nicht, nur Dinge abzuarbeiten.“ Gerade als angestellte Frauen sei es zudem häufig schwieriger, in Unternehmen voranzukommen und tatsächlich Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen.
Annabell kehrte als Erste in den Familienbetrieb zurück, später folgten Nathalie und Laura. Ausschlaggebend war für die Schwestern die Möglichkeit, etwas Eigenes zu schaffen und zugleich ein bestehendes Lebenswerk weiterzuentwickeln. Dabei wollten sie das Unternehmen nicht lediglich verwalten. „Wir wollten nicht einfach nur etwas übernehmen, sondern eigene Ideen einbringen“, sagt Nathalie Penciulescu. Dass sie diese Aufgabe zu dritt angehen können, empfindet das Trio als besondere Stärke: „Das macht es für uns noch wertvoller.“
Zwischen Tradition und Veränderung
Die Begeisterung der Eltern für den Schuhhandel habe sie früh geprägt, sagt Nathalie. „Man strebt ja auch immer ein bisschen nach den Eltern.“ Gleichzeitig blickt sie durchaus kritisch auf die Branche. Auf den ersten Blick sei der Schuhhandel derzeit nicht unbedingt besonders reizvoll. Es gebe einige Strukturen und Rahmenbedingungen, die sich verändern müssten.
Was das Produkt Schuh auszeichnet, wurde den Penciulescus besonders deutlich, seit sie zusätzlich Textilien führen. „Seitdem wissen wir die Beständigkeit des Schuhs zu schätzen. Er verliert nicht nach einer Saison an Wert und lässt sich nachhaltiger verkaufen.“ Das mache die Planung für das Unternehmen verlässlicher.
Gleichzeitig erleben die Schwestern den Schuhhandel als eine stark traditionsgeprägte Branche, in der Entwicklungen häufig viel Zeit benötigen. Gerade die derzeitige Umbruchphase bietet aus ihrer Sicht jedoch auch Möglichkeiten. „Aber gerade ist auch eine schöne Zeit für Veränderungen. Es bietet uns die Chance, neue Ideen zu entwickeln und mit Partnern zusammenzuarbeiten“, sagt Nathalie Penciulescu. Genau darin liege für sie ein besonderer Antrieb: „Das, was gut funktioniert, erhalten und trotzdem frische Impulse für die Branche setzen.“
„Es muss auch mal frischer Wind rein“
Bei der Frage nach der Zukunft plädiert Annabell zunächst für einen realistischen Blick auf die Gegenwart. „Wir sind keine Fans davon, in die Zukunft zu schauen, sondern fokussieren uns lieber auf das Hier und Jetzt.“ In der Branche werde ihrer Ansicht nach zu häufig über zukünftige Entwicklungen gesprochen, ohne die aktuelle Situation ausreichend zu analysieren. „Alle wollen nur in die Zukunft schauen, anstatt sich mal mit sich selbst zu beschäftigen und auf den Ist-Zustand zu schauen.“
Für die weitere Entwicklung des Schuhhandels wünschen sich die drei Schwestern dennoch klare Veränderungen. Dazu gehören mehr Frauen in verantwortlichen Positionen und bessere Perspektiven für jüngere Menschen. Pointiert formuliert das Geschwister-Trio den Wunsch, dass „alte weiße Männer in gewissen Positionen verschwinden“. Ein höherer Frauenanteil könne dazu beitragen, dass auch mehr junge Menschen wieder Lust bekämen, in der Schuhbranche zu arbeiten. „Das Traditionelle ist schön und gut, aber es muss auch mal frischer Wind rein.“
Darüber hinaus erwarten die Penciulescus von Herstellern ein stärkeres Verständnis für die Situation des Handels. Dessen Probleme müssten deutlicher wahrgenommen und in der Zusammenarbeit berücksichtigt werden. Annabell Penciulescu formuliert eine deutliche Forderung: „Wir brauchen eine andere Marge.“ Auch von den Anbietern der Warenwirtschaft müsse mehr kommen. Ziel müsse es sein, den Abstand zur Textilbranche bei Prozessen, Systemen und zeitgemäßen Strukturen aufzuholen.
Ob es auf ihrem Weg einen Moment gab, in dem eine der drei grundsätzlich daran zweifelte, in der Schuhbranche zu bleiben? Die Antwort fällt geschlossen aus: nein. Spätestens seit Laura als Letzte in das Unternehmen eingestiegen ist, scheint ein Ausstieg ohnehin ausgeschlossen. „Das war indiskutabel, keiner von uns darf gehen“, heißt es lachend aus dem Trio.