schuhkurier: Sie sind mit 19 nach London gezogen, um dort Fashion Merchandise Management zu studieren. Was hat Sie an der Modebranche gereizt?
Désirée Orlowski: Die Modebranche hatte schon immer diesen kreativen Vibe, der mich angesteckt hat. Für mich drückten Schuhe und Mode eine Welt aus, in der man sich selbst verwirklichen und als Persönlichkeit ausdrücken kann. Es gibt viele Freiheiten und kein Richtig oder Falsch. So erlebe ich die Menschen auch, seitdem ich hier arbeite. Die Branche hat eine anziehende Wirkung. Sie sollte sich vielleicht häufiger bewusst machen, dass viele junge Menschen hier arbeiten wollen. Ich habe mich aber trotzdem nie als Designerin gesehen. Meine Stärke lag immer darin, Kreativität mit Zahlen und kommerziellem Denken zu verbinden. Ich wusste relativ früh: Genau an dieser Schnittstelle kann ich der Branche etwas geben und mich gleichzeitig selbst am besten entfalten.
War es für Sie dann ein großer Schritt, für das Studium ins Ausland zu gehen?
Ich bin in Aachen aufgewachsen und wusste, Deutschland ist nicht das Zentrum der Modebranche. Ich dachte mir: „Wenn du einen Schritt mehr machst als andere, dann schaffst du es auch, in diese Welt reinzukommen.“ Ich habe schon mein Abitur an einem internationalen Gymnasium gemacht und bin dafür jeden Tag drei Stunden lang zwischen Bonn und Aachen gependelt. Davon konnte ich viel mitnehmen: Durchhaltevermögen, Flexibilität, aber natürlich auch den Austausch im internationalen Umfeld. Das hat mir den Schritt an die Universität in London etwas einfacher gemacht. Damals waren die Strukturen in der britischen oder auch US-Modebranche denen in Deutschland wahrscheinlich 20 Jahre voraus. Dadurch habe ich im Studium schon damals viel über Warenwirtschaft, Planung und Prognosen lernen können.
Sind Sie teilweise im Berufsleben auch auf Widerstand gestoßen, wenn Sie die Konzepte bei Unternehmen umsetzen wollten, in denen die Strukturen noch unüblich waren?
Es ist zum Glück keine Raketenwissenschaft – auch heute nicht. Ich fand es stattdessen toll, mich in so einem Umfeld mit meinen Erfahrungen aus dem Studium einbringen zu können. Die Arbeitgeber, bei denen ich war, waren immer sehr offen dafür, Dinge neu zu entwickeln. Da wurde aus 1+1 gleich 3.
Der Schritt zur ANWR Schuh war sowohl einer von der Industrie zur Verbundgruppe als auch aus der Mode- in die Schuhbranche. Wie war Ihr Blick auf die Schuhbranche vorher und wie hat er sich verändert?
In der Mode werden Schuhe nicht so sehr als getrenntes Thema wahrgenommen. Mode geht nicht ohne Schuh und Tasche. Für mich überwiegen die Gemeinsamkeiten. Aber definitiv merke ich jetzt auch einige Unterschiede. Die Modebranche ist viel globaler und stark harmonisiert. Die Schuhbranche ist zum Teil auf Deutschland fokussiert. Dafür ist das Netzwerk der Schuhbranche umso stärker. Alle sind untereinander vernetzt und sehr offen miteinander, das ist ein absoluter Mehrwert und bei Weitem nicht in jeder Branche so. Das könnte man noch viel mehr nutzen.
Was erfüllt Sie an Ihrer Arbeit heute am meisten?
Das Spannende an einer Verbundgruppe ist für mich die enorme Vielfalt: Händler und Hersteller, Big Player und kleine Unternehmen, viele tolle Persönlichkeiten. Es ist ein Querschnitt durch die Branche. Man sieht die Best Practices und diejenigen, die noch mehr Unterstützung brauchen. Und man lernt von allen. Das gibt es so in keinem Unternehmen. Mich reizt besonders, dass wir als Verbund wirklich etwas bewegen können. Wir sitzen genau an der Schnittstelle zwischen Handel und Industrie, sehen sehr unterschiedliche Perspektiven und können daraus Dinge entwickeln, die in der Praxis funktionieren. Diesen Hebel zu nutzen und gemeinsam Zukunft zu gestalten, finde ich extrem spannend.
Was sind Ihre Stärken und Schwächen?
Ich widerspreche auch mal und wage mich an das Gewohnte heran, um Veränderungen anzustoßen. Natürlich muss man anerkennen und zuhören, warum Dinge aktuell auf eine bestimmte Weise gemacht werden. Aber trotzdem versuche ich immer, mit neuen Impulsen das Beste herauszuholen. Ich vertrete meine Ideen selbstbewusst und stehe zu ihnen, auch wenn sie nicht funktionieren. Meine Schwäche ist wohl meine Ungeduld. Man braucht auch manchmal mehr Zeit, um alle Beteiligten mitzunehmen, sonst geht man den Weg allein. Darauf muss ich achten.
Hat sich Ihr privater Blick auf Schuhe verändert?
Nein, ich hatte schon immer sehr viele Schuhe und auch Taschen in allen Formen und Farben. Das hat sich nicht verändert. Zuletzt hat sich eher die Schuhmode verändert, was mich sehr freut. Es gab eine Zeit, in der es kaum Auswahl bei Galanterie gab. Aktuell gibt es bei sehr vielen Marken Modelle, die mir viel Freude bringen. In diesem Sommer war mein Essential der Slingback. Mit ihm ist man immer schick, aber auch casual genug für jeden Anlass.