Majo Schuhe: Filialist mit Haltung
Sortimentsplanung und Nahbarkeit im Mittelpunkt
- 10.06.2025
- Petra Steinke
- 1 Minute
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anIn der im Taunus gelegenen Stadt Kelkheim befindet sich das Zentrallager von Majo Schuhe. (Foro: Redaktion)
Als Erster grüßt Emil: Der kleine Mischlingshund, der vor einigen Jahren aus dem Tierschutz in Ungarn gerettet worden war, steht an der Glastür der Firmenzentrale von Majo Schuhe in Kelkheim, um den Besuch aus der schuhkurier-Redaktion zu empfangen. Hinter Emil steht Nico Vetter, bei Majo Schuhe unter anderem für Marketing verantwortlich. Emil ist nicht der einzige Vierbeiner im Unternehmen: Seine „Kollegin“ Alice, ein wuscheliger Labrador-Mix im Seniorenalter, wartet oben an der Treppe. Ebenso wie die Geschäftsleitung um Inhaber Joachim Majowski (68), dessen Ehefrau Gerswind (60) und ihren gemeinsamen Sohn Marc (35), der mit Nico Vetter (46) verheiratet ist. Die Hunde sind wichtiger Teil der Majowski-Familie. Emil gehört Marc und Nico, Alice ist der vierbeinige Begleiter von Gerswind und Joachim. Die beiden Hunde bewegen sich frei in der Firmenzentrale und sie wissen, in welchen Büros es auch mal ein Leckerli gibt. Und zwischendurch einen der flauschigen Feelgood-Manager streicheln, das tut auch den Beschäftigten gut.
Alle zwei Wochen werden alle Standorte abgefahren, um alle Schuhe an den Ort zu bringen, wo sie am ehesten gebraucht werden. (Foto: Redaktion)
Es ist Ende Mai. Die Orderrunde für F/S 2026 nimmt gerade Fahrt auf. Erste Termine für Sneaker haben Gerswind und Marc Majowski, die für den Einkauf verantwortlich sind, schon wahrgenommen. Und damit sind wir mittendrin im Austausch über die Aufgaben und Herausforderungen, denen sich die Händler- familie stellen muss: „Die Order wird immer komplizierter. Es gibt mehr Termine – und bei den Lieferungen ist vieles zu spät. Das kostet uns wirklich Abverkauf“, sagt Gerswind Majowski, „und das, obwohl wir immer früher ordern müssen, gerade im Sneaker-Segment.“ Die Expo Riva Schuh am Gardasee ist der nächste wichtige Termin für die Händlerfamilie. Dort werden erste modische Leitplanken gesetzt und die Styles für die Eigenmarken festgelegt – in Abstimmung mit einigen Kollegen aus dem Handel, mit denen Majo Schuhe zusammenarbeitet. Ein weiterer wichtiger Termin ist die Micam in Mailand. Dazwischen besuchen die Händler auch die ANWR- und die SABU- Messen sowie Ordercenter.
Die schwierige Order ist nur eines von vielen Themen, mit denen sich die Schuhhändlerfamilie auseinandersetzen muss. Joachim Majowski, für das Controlling zuständig, beklagt, dass sich das Geschäftsgebaren einiger Unternehmen geändert habe. „Früher reichte ein Handschlag, heute braucht es Anwälte“ – das macht den Händler fassungslos. „Alles muss schriftlich festgehalten werden, immer häufiger wird versucht, den an deren übers Ohr zu hauen. Das regt mich auf, wo ist denn das Menschliche geblieben?“, sagt der Händler sichtlich angefasst. Herausfordernd ist neben der Vielzahl an Terminen auch, dass es weniger klare Trends gibt und diese schneller wieder abebben. Das hat, sagt Marc Majowski, der seit 2014 im Unternehmen mitverantwortlich ist, auch mit Influencern und Social-Media-Kanälen zu tun. „Früher lief ein Trendthema mal über zwei, drei Jahre. Heute ist ein Thema eine Saison lang aktuell und dann kommt schon wieder etwas Neues“, so Marc Majowski. Trotzdem gelinge es immer wieder, interessante und modische Styles zu ordern – und damit nicht nur die Filialleitungen zu begeistern, sondern auch die Endverbraucherinnen und Endverbraucher, die auch gerne mal ein dickes Lob für das gelungene Sortiment aussprechen.
Wie viel Neues ins Sortiment muss und wie viel Bewährtes daneben, das ist für die Majowskis in jeder Saison aufs Neue eine wichtige Frage. Ihre elf Standorte in der Rhein-Main-Region sind als Schuhhäuser für die ganze Familie positioniert. „Bei uns findet jeder etwas. Wir sind ein Schuhgeschäft für jedermann. Wir bieten alles, vom Turnschläppchen über modische Modelle bis hin zu Mehrweiten“, sagt Gerswind Majowski selbstbewusst. Auch Barfußschuhe gehören zum Angebot – wenngleich die Händlerin diesen Schuhtyp etwas kritisch sieht, vor allem, wenn er ausschließlich getragen werden soll. Die Kundschaft ist nicht zuletzt aufgrund des großen und sehr vielfältigen Angebots bunt gemischt. Nicht selten kommen ganze Familien, um sich an einem Samstagvormittag komplett mit neuen Schuhen einzudecken. Lediglich Teenager spreche man nicht explizit an, ergänzt Marc Majowski, „die orientieren sich eher an Sneaker-Stores. Aber wenn sie dann eine Familie gründen, sind wir wieder interessant.“ Mit gutem Grund, denn das Unternehmen legt großen Wert auf eine bestens sortierte Kinderschuhabteilung und speziell auch dort hochkompetentes Personal. Zum Servicegedanken gehört dabei auch, dass alle Filialen über Parkplätze verfügen und man dort bis vor die Türe fahren kann. Das nutzen beispielsweise auch Pflegeheime im Umkreis, um ihre Bewohner mit Schuhen versorgen zu lassen.
Um immer nah dran zu sein am Kunden, prüfen Gerswind und Marc Majowski regelmäßig die Verkaufszahlen. So werden Renner und Flops schnell ermittelt. Was in einer Filiale gut läuft, wird im Zweifel aus den anderen Standorten dorthin gebracht, um die Nachfrage zu stillen. Das geht durch die räumliche Nähe der Filialen und einen eigenen Fuhrpark, der mindestens zweimal pro Woche alle Standorte abfährt, sehr gut. Was nicht läuft, wird auch schon mal reduziert, um den Abverkauf anzukurbeln. Darüber hinaus hält sich das Unternehmen mit Rabattaktionen zurück. Inhaber der Kundenkarte – und das sind aktuell immerhin rund 150.000 – erhalten dauerhaft rabattierte Hauspreise.
Das Personal ist für die Majowskis eine wichtige Säule für den Erfolg. Die Standorte sind zwar so gestaltet, dass sich ein Kunde dort selbst die gewünschte Ware heraussuchen kann. Auf Beratung und Services legt die Unternehmerfamilie aber größten Wert. „Wir haben Personal, das wirklich bedient. Das ist unsere Stärke, und das wird von unseren Kunden sehr geschätzt“, betont Gerswind Majowski. „Kein Kunde wird sich selbst überlassen. Unsere Teams kümmern sich um jeden, der Beratung wünscht“, ergänzt Marc Majowski. Damit positioniert sich das Unternehmen ganz bewusst als Gegenpol zum Onlinehandel. „Wenn wir kein Personal auf der Fläche haben, was hindert dann den Kunden daran, einfach online zu kaufen?“ Dass die Haltung der Majowskis erfolgreich ist, spiegeln Kundinnen und Kunden wider: Immer wieder gebe es in Online-Portalen positive Bewertungen und nicht selten komme Kundschaft auf Empfehlung aus dem Bekanntenkreis in eines der Schuhhäuser, „weil da so eine tolle Verkäuferin oder ein toller Verkäufer ist“. So wichtig das Personal, so herausfordernd ist es, das Team bei Laune zu halten. Dafür, sagt Gerswind Majowski, betreibe man hohen Aufwand. Das beginnt bei der Bezahlung und endet bei dem Angebot, jederzeit für jeden Mitarbeitenden erreichbar zu sein. „Wenn es irgendwo Probleme gibt, unterstützen wir“, sagt Joachim Majowski.
Großen Wert legen die Inhaber auf ein diverses Team. „Wir sind multikulti und kunterbunt“, beschreibt Marc Majowski die Philosophie. So arbeiten nicht nur Menschen aus Syrien oder der Ukraine bei Majo Schuhe, sondern Personen mit allen möglichen Wurzeln. Einer der Azubis sei sogar über das Mittelmeer nach Deutschland geflohen. Diskriminierung wird in dem hessischen Unternehmen nicht geduldet. Alle, die sich einbringen und engagieren wollen, seien willkommen. Sie kenne jeden beim Namen, sagt Gerswind Majowski. Inzwischen gehe man zu einer Duz-Kultur über, weil das einfacher sei und sich positiv auf den Zusammenhalt im Team auswirke. „Unser Team hier, das ist wie eine zweite Familie“, sagt Gerswind Majowski. „Die Mitarbeitenden verbringen manchmal mehr Zeit miteinander als mit ihren Partnern und Kindern. Wir wollen, dass das hier gut funktioniert.“ Wünschen würde sich die Händlerfamilie allerdings, dass sich der Staat mehr um Deutschkurse für Menschen mit Migrationshintergrund einsetze. Die Sprache sei es schließlich, die Menschen verbinde und die den Einstieg ins Berufsleben ermögliche. „Wer mit Kunden zu tun hat, muss die Sprache einigermaßen sprechen können“, erklärt Marc Majowski. Darüber hinaus schaue man bei Neuzugängen weniger nach deren Qualifikationen als vielmehr danach, ob sie die richtige Persönlichkeit mitbringen und die Lust, im Handel zu arbeiten.
Eine Herausforderung ist für das Handelsunternehmen, wie für viele andere auch, einen hohen Personalbestand zu halten, um die gewünschte Beratung bieten zu können. Man lege Wert auf gute Bezahlung und habe sich bewusst gegen Provisions- modelle entschieden, zahle 13 Gehälter, biete viele Benefits und habe auch in der Corona- Pandemie versucht, das Team bestmöglich zu unterstützen. Aktuell macht den Unter-nehmen aber die aktuelle Mindestlohn-Debatte zu schaffen. Erreiche dieser 15 Euro, dann habe das Auswirkungen auf alle anderen Lohngruppen. „Wir können nicht einer Schüler Aushilfe 15 Euro zahlen, was soll dann eine Fachkraft bei uns bekommen? Wir müssen ja die Lohnabstände im Unternehmen wahren.“, beschreibt Joachim Majowski das Problem.
Apropos zuständig: Zwar hat in der Führungsriege jeder seine Aufgaben; dazwischen und in Richtung Team sind die Grenzen aber fließend. Das Einkaufs Duo Gerswind und Marc arbeitet eng mit dem für die Zahlen verantwortlichen Joachim zusammen. Dieser hebt schon einmal mahnend den Finger, wenn zu viel eingekauft wurde, oder er verhandelt mit der Industrie über eventuell gekürzte Konditionen. „Und wenn es irgendwo brennt, bin ich der Feuerwehrmann“, fügt der Unternehmer hinzu. Für die nötigen Kampagnen, Flyer und sonstigen Werbemaßnahmen sorgt Nico Vetter. Er war ursprünglich selbstständig in der Werbebranche gewesen und vor einigen Jahren „schleichend“, wie er es nennt, zu Majo Schuhe gekommen. Gemeinsam mit seinem Ehemann habe er damals lange überlegt, ob es sinnvoll sei, nicht nur das Privat-, sondern auch das Berufsleben zu teilen. Schlussendlich kam es zu einer kurzen Testphase und dann zu der Entscheidung, es einfach zu machen. „Wir haben alle unsere Bereiche, und trotzdem springt jeder ein, wo Not am Mann ist“, sagt Vetter. Nicht nur, dass Gerswind und Marc regelmäßig und gerne in den Filialen auf der Fläche sind. Ist eine wichtige Kraft in einer Filiale ausgefallen, fehlen Glühbirnen, muss etwas repariert oder aufgebaut werden, dann springt ein Familienmitglied in Kelkheim ins Auto. „Ich habe auch schon mal einen Boiler eingebaut“, berichtet Vetter.
Es gibt immer was zu tun bei Majo Schuhe; Langeweile, so hat man den Eindruck, kennt man im Unternehmen nicht. Trotzdem wagte sich die Familie im vergangenen Jahr an ein Unterfangen, das sie heute als das größte Abenteuer in der gesamten Firmengeschichte bezeichnen: die Übernahme von drei Filialen des zu Deichmann gehörenden Vertriebskonzepts Myshoes. Der Essener Schuhhändler hatte im November 2023 angekündigt, das Konzept mit seinerzeit 61 Standorten in Deutschland einstellen zu wollen. Nach längeren Überlegungen entschieden sich die Hessen, ein Angebot zu unterbreiten. Und sie bekamen den Zuschlag für die Standorte in Bad Vilbel, Friedrichsdorf und Groß-Gerau, inklusive deren Mitarbeitenden und der Ware. Ende April 2024 schlossen die drei Myshoes-Geschäfte; Anfang Mai wurden sie als Majo-Standorte wieder eröffnet. Auf einen Schlag drei Geschäfte mehr – „damit konnten wir unsere Präsenz in der Region deutlich ausbauen“, sagt Joachim Majowski. „Aber die Integration war doch ein hartes Stück Arbeit.“ Alle hätten mitgemacht und auch die knapp 50 neuen Mitarbeitenden seien zu wertvollen Teammitgliedern geworden. Ein Jahr nach der Übernahme haben wir mitbekommen, dass die neuen Kollegen ein Jahr Majo gefeiert haben. Das hat uns sehr berührt.“, sagt Gerswind Majowski. Mit den drei Myshoes-Filialen kam eine weitere Neuerung auf Majo Schuhe zu: eine Kunden-App. Nachdem vor zehn Jahren die Kundenkarte eingeführt worden war und heute von 150.000 Menschen genutzt wird, sei es an der Zeit gewesen, einen weiteren Schritt zu gehen. Die Myshoes-Kundinnen und -Kunden waren ohnehin an die Nutzung einer App gewöhnt. „Also haben wir uns überlegt, dass das ein guter Zeitpunkt wäre“, berichtet Nico Vetter. Gemeinsam mit den Spezialisten von Hutter & Unter wurde das Projekt umgesetzt. Daneben wird Click & Collect angeboten.
Zum Onlinehandel sagen die Majowskis weiterhin selbstbewusst „Nein“. Es sei kaum bis gar nicht möglich, damit Geld zu verdienen, sagt Joachim Majowski. Die Gebühren der Plattformbetreiber und Versandunternehmen, die Retourenquote, der Aufwand – „Und dann sind unsere Mitarbeitenden damit beschäftigt, Schuhe in Pakete zu packen, und kümmern sich nicht mehr um die Kunden.“ In der Corona Pandemie unternahm die Händlerfamilie aus der Not heraus den Versuch mit zwei Filialen. „Mit spitzem Stift und ohne Kinderschuhe“, wie Gerswind sagt. Herausgekommen sei eine Null. Die Kartons, die für den Versand gekauft werden mussten, nicht eingerechnet. Nicht nur diese Erfahrung machte die Corona-Pandemie zu einem schlimmen Kapitel für die Unternehmer. Am schwierigsten sei die Unklarheit gewesen. Immer neue Verordnungen, je nach Bundesland unterschiedliche. Verkaufsverbot für Schuhgeschäfte in Hessen, während Discounter auch Non-Food-Ware anbieten durften. „Diese unfaire Situation damals hat zur enormen Marktbereinigung im Schuhhandel beigetragen“, davon ist Joachim Majowski überzeugt – und fügt entschlossen hinzu, dass Majo Schuhe auch weiterhin seine Rolle im Markt spielen werde. „Wir sind kein Großkonzern, und wir wollen auch keiner sein. Wir sind ein Familienunternehmen mit flachen Hierarchien. Und wir können schnell auf Situationen reagieren.“ So wie unlängst in der Filiale in Friedrichsdorf. Ein Verein sei auf das Geschäft zugekommen mit der Anfrage, ob man 400 Paar schwarze Turnschläppchen kaufen könne.
Nach wenigen Klicks im B2B-Shop eines Lieferanten war die Ware bestellt – und der Verein zufrieden. Ohne großen Aufwand. Zurück zu Emil und Alice. Wir nutzen die Gelegenheit, nach dem Gespräch über das Unternehmen noch einen Blick in das Zentrallager zu werfen. Hier ist Platz für Tausende Paletten und Schuhe. Gerade sind viele Regale leer, die Saison ist in vollem Gange, die Ware ist in den Geschäften, es wird verkauft. Familie Majowski stellt sich für ein Foto auf. Und es ist klar, dass Emil und Alice mit dabei sind. Natürlich in der ersten Reihe.
Im Jahr 1969 eröffneten Edeltraud und Karl-Heinz Majowski ein Schuhgeschäft in Eschborn bei Frankfurt am Main. Es sollte den Grundstein für ein expandierendes Unternehmen bilden. 1985 erfolgte der Generationswechsel. Joachim und Gerswind Majowski übernahmen die Firma. 1995 umfasste das Filialportfolio bereits drei Häuser. Heute wird das Unternehmen von der zweiten und dritten Generation gemeinsam geführt: Neben Gerswind und Joachim ist seit 2014 auch der gemeinsame Sohn Marc in unternehmerischer Verantwortung. 11 Filialen im Rhein-Main-Gebiet mit Verkaufsflächen zwischen 700 und 1.400 qm gehören zum Portfolio; das Unternehmen beschäftigt rund 150 Mitarbeitende. Hauptsitz ist seit 2015 Kelkheim im Taunus. Der Standort in einem Gewerbegebiet am Rande der Stadt umfasst auch das Zentrallager. Beim Bau wurde Wert auf Nachhaltigkeit gelegt: Beheizt wird die Zentrale mit einer Wärmepumpe; eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach deckt einen Großteil des Strombedarfs.
Standorte: Altenstadt, Bad Vilbel, Friedrichsdorf, Groß-Gerau, Hanau/Steinheim, Hofheim, Kriftel, Linden, Lollar, Maintal/Dörnigheim und Oberursel.