Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weiterreichen des Feuers – ein abgedroschener Spruch? Vielleicht. Doch wer die Werkstatt von Lambertz Orthopädie Schuh & Technik in Oberhausen-Sterkrade betritt, spürt schnell, wie lebendig dieses Motto sein kann. Ein Blick auf ein Handwerk im Wandel, Zuversicht und die Überzeugung, dass Menschlichkeit immer vor dem Profit kommt.
Wenn die Ladentür aufgeht, betreten die unterschiedlichsten Schicksale die Werkstatt. Der Alltag reicht von Fußanalysen über maßgefertigte Einlagen und komplexe Schuhumbauten bis hin zur Versorgung von Diabetespatienten. Bei Lambertz gehen Familien seit über einem Jahrhundert ein und aus. Besonders in Erinnerung bleiben oft die kleinsten Fälle: „Am meisten Spaß macht es, wenn man Kinder da hat, die auf einmal wieder gerade laufen können“, erzählt der 29-Jährige. „Wenn die Eltern dann fast Tränen in den Augen haben, weil sie sich so freuen … Solche Geschichten gehen einem wirklich nah.“
Für Nico war schon immer klar, dass es ihn ins Handwerk verschlagen würde. Nach dem Abitur entschied er sich für die Ausbildung und die Arbeit mit und am Menschen. Die Weichen dafür schienen ohnehin früh gestellt: „Meine Grundschullehrerin ist bis heute Kundin bei uns. Sie hat mir erzählt, dass ich schon in der ersten Klasse gesagt habe, dass ich später unbedingt in den Betrieb einsteigen möchte – das stand wohl sogar so im Klassenbuch“, schmunzelt er. Dass er das Geschäft nun Schritt für Schritt in fünfter Generation übernimmt, verläuft ohne Reibereien.
Zukunftsängste kennt der junge Orthopädieschuhmacher dabei nicht, im Gegenteil: Er blickt voller Optimismus auf das, was kommt. Zwar habe sich das Umfeld verändert, sagt er im Gespräch, doch in der Anpassungsfähigkeit, die das erfordere, liege die Stärke des Handwerks.
Einen Konflikt zwischen den Generationen gibt es bei alledem nicht. Bei der Auswahl von Schuhmodellen gehen die Geschmäcker von Vater und Sohn zwar mal auseinander, aber die Grundhaltung stimmt. „Mein Vater lässt mir da relativ freie Hand. Er sagt dann: Probier’ es aus, und wenn es nicht klappt, machen wir es nächstes Mal eben nicht mehr.“ Radikal umkrempeln will der künftige Chef nichts. Die Stammkundschaft sei das Fundament, das er genau so beibehalten möchte.
„Man muss auch immer die andere Seite verstehen und sich in die Menschen hineinversetzen können. Man darf nicht nur ans eigene Portemonnaie denken“, betont Nico. Seinen Einfluss als fünfte Generation sieht er im Erhalt des Standorts und in einem Beitrag für die Gemeinschaft vor Ort. Die Frequenz in der Oberhausener Altstadt habe in den letzten Jahren spürbar abgenommen und er hofft, dass der Betrieb durch seine Präsenz wieder etwas mehr Leben und Miteinander in die Straßen bringen kann. Und privat? Auf die Frage nach seinen eigenen Schuhen lacht er. Zwar hat er sich selbst einmal ein Paar Schuhe angefertigt, tragen würde er sie aber nicht. Sie stehen als Erinnerungsstück im Regal.