schuhkurier: Sie sind aktuell International Sales Manager bei Nero Giardini, wo Sie schrittweise die Verantwortung von Ihrem Vater Enrico Bracalente übernehmen.
Alessandro Bracalente: Für mich war es schon immer selbstverständlich. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass ich etwas anderes machen könnte. Die Marke wurde 1998 gelauncht, da war ich zehn Jahre alt. Ich bin mit dem Unternehmen zusammen groß geworden und fand es immer großartig, an diesem Familien-Business mitarbeiten zu können.
Wie sah Ihr bisheriger Weg bei Nero Giardini aus, wie werden Sie an die Aufgaben herangeführt?
Ich bin seit 2012 im Unternehmen und war zunächst in der Produktion und der Logistik tätig. Seit 2019 bin ich im Sales-Bereich, um neue Märkte wie die USA, Kanada, Südkorea und Japan zu erschließen. Ich hatte meinen Bereich, in dem ich ganz von vorne anfangen konnte und die volle Verantwortung hatte. Dadurch habe ich sehr viel gelernt. Natürlich vor allem durch die Herausforderung, die Marke mitten in der Pandemie in neuen Märkten aufzubauen: Wir sind im März 2020 in den USA gestartet. Ich konnte Entscheidungen treffen und auch Fehler machen, um aus ihnen zu lernen. Seit einem Jahr bin ich als International Sales Manager für alle Märkte außerhalb Italiens verantwortlich, während mein Vater die Verantwortung für Italien trägt.
Was für richtige Entscheidungen und Fehler gab es beim Aufbau der Märkte?
Eigentlich ist es in beiden Fällen dieselbe Antwort. Die wichtigste Aufgabe ist es, in dem Markt ein Team zusammenzustellen, das gut zusammenarbeiten kann und in dem sich alle gegenseitig vertrauen. Da habe ich mal direkt alles richtig gemacht, mal hat sich herausgestellt, dass es doch nicht zusammenpasst.
Was erfüllt Sie an der Arbeit am meisten?
Wenn ich sehe, dass wir ein echtes Produkt herstellen und man es am Ende in die Hand nehmen kann. Ich sehe, welches Leder wir nutzen; wie aus den Einzelteilen und Materialien ein Schuh wird. Als ich in der Produktion war, hat mich das sehr begeistert. Und auch wenn ich aktuell nicht so stark in die Produktion involviert bin, kann ich diese Leidenschaft für unser Produkt an das Sales-Team und die Händler weitergeben. Schließlich müssen sie es am Ende den Kunden vermitteln. Wir produzieren unsere Schuhe selbst in Italien. Ich muss transportieren, warum das einen Unterschied macht.
Sie sind nebenbei ambitionierter Rennfahrer. Wie fühlt es sich für Sie an, im Cockpit zu sitzen, und was gibt Ihnen das?
Bis vor drei Jahren war ich auch auf professionellem Level in der europäischen Le Mans-Serie. Dann habe ich mich aber voll auf das Unternehmen eingelassen und fahre jetzt als Amateur für Audi in der italienischen GT3-Meisterschaft. Es ist für mich ein Ausgleich. Ich kann im Cockpit mal nicht an das Unternehmen denken. Ich glaube, das brauchen wir alle. Wenn ich fahre, fühlt es sich an, als würde ich die Bewegungen automatisch machen. Ich denke nicht so viel nach.
Glauben Sie, dass Ihnen diese Erfahrung auch in Ihrer Karriere hilft?
Es hat mir geholfen, um in schwierigen Situationen schnelle Entscheidungen zu treffen. Mit 300 km/h kann man nicht lange überlegen, sondern muss handeln. Das hilft mir auch, wenn ich im Unternehmen entscheiden muss.
Was glauben Sie, wie ein Schuhhersteller in Zukunft aufgestellt sein muss? Wie wollen Sie Nero Giardini irgendwann führen?
Ich glaube, dass sich in der Strategie nicht so viel ändert. Mein Vater hat vor über 20 Jahren verstanden, dass beim Aufbau einer Marke das Wichtigste ist, wie die Endkunden sie wahrnehmen. Das bleibt auch in Zukunft so. Nur die Art und Weise, wie die Markenwahrnehmung geprägt wird, ändert sich durch neue Medien. Ich will bei der nächsten Generation das erreichen, was mein Vater geschafft hat. Außerdem wird es wichtiger, die Marke international aufzubauen. Sich auf einzelne Märkte zu fokussieren, wird für große Unternehmen nicht mehr reichen. Diese Strategie müssen wir konsequent verfolgen. Auch wenn es vielleicht mal länger dauert, die Marke in einem Land bekannt zu machen.
Ist das etwas, was Sie lernen mussten? Dass Entwicklungen manchmal Zeit brauchen und sich die Ergebnisse nicht sofort zeigen?
Ja. Sowohl im Unternehmen, wenn man die Mitarbeitenden erst von seinem Weg überzeugen muss, aber auch in der Wahrnehmung im Markt. Gerade aktuell, wo wir so viele geopolitische Probleme haben und sich die Welt alle paar Monate wieder verändert, muss man Geduld haben.